Thema: „Natur“

Unter uns ujo

„Der Buddhismus unterscheidet alle Dinge in hijo – Dinge ohne Wunsch, wie Steine und Bäume – und ujo – Dinge, die Wünsche haben, wie Menschen und Tiere“, lese ich in einem Buch des Japan-Liebhabers Lafcadio Hearn. Das ist eine einfache und schöne Unterscheidung, über die man lange und in manchen Richtungen nachsinnen kann. Beispielsweise könnte die menschliche Sehnsucht nach der Natur damit zu tun haben, dass uns dort, anders als in den gesellschaftlichen Kampfwelten, viele „Dinge ohne Wunsch“ umgeben. Oder jedenfalls – wenn ich die Bussarde am Himmel sehe – mit Wünschen, die uns nicht tangieren. Und vielleicht praktizieren die Kühe, die darunter auf der Weide stehen, unter allen ujo die friedlichste Form der Wunscherfüllung. Zurückhaltender geht es einfach nicht. Die Inder haben wohl Grund, ein so genügsames, übergriffsfreies Leben mit Vorstellungen von Heiligkeit in Verbindung zu bringen.

Auf einem Waldweg

Erinnerst du dich an die beiden Rehe
die uns auf einmal
nach einer Biegung des Weges
entgegenkamen?
Nebeneinander
jedes in seiner Spur
wie wir.
Sie brauchten eine Weile
um zu erschrecken
so versunken waren sie
in den gemeinsamen Weg.

Derselbe

Auf dem Waldweg ein Schmetterling, mit zusammengefalteten Flügeln, unscheinbar wie ein welkes Blatt. Zauberhaft schön aber, sobald er die Flügel öffnet. – So sind wohl, denke ich, auch manche Menschen.

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Ich wohne mitten in der Großstadt. Aber die Vogelgespräche frühmorgens in der Dämmerung sind intensiv wie im Urwald.

Sonderbarer Besuch

Morgens, beim Blick durch die Balkontür, entdecke ich plötzlich einen kleinen Vogel. Er sitzt ganz still auf den Holzdielen. Auch als ich unmittelbar an die Scheibe trete, fliegt er nicht weg. Ungewöhnlich. – Ich öffne die Tür, er bleibt sitzen. Wir sehen einander an. Über seinen Kopf zieht sich, ganz auffällig, von vorn nach hinten ein gelbes Band. Ich frage ihn, was möglicherweise sein Problem ist. Er bleibt einfach sitzen und schaut mich an. Von vorn, mit seinen dunklen treuen Augen, wirkt er fast wie eine Maus. – Ich schließe wieder die Tür und gehe über zum wissenschaftlichen Teil, blättere in meinem Tier- und Pflanzenführer. Es ist ein Wintergoldhähnchen. „Kleinster heimischer Vogel“ mit einem gelben oder orangegelben, schwarz gesäumten „Scheitelstreif“. – Immer noch sitzt er reglos auf dem Balkon. So kann es nicht weitergehen, denke ich, er muss wieder raus ins Grüne. Dort wird eben die Natur ihren Lauf nehmen, und sei es unter Beteiligung einer Katze. Aus der Küche hole ich eine dieser durchsichtigen Plastikschalen, in denen manchmal Karotten verkauft werden. Ich stülpe sie langsam über ihn, schiebe eine Pappe darunter, trage ihn durchs Treppenhaus vor die Haustür, setze ihn auf einer Hecke ab. Sofort fliegt er in der schönsten quirligsten Weise hoch in die Bäume. – Warum also das alles?, denke ich ihm hinterher. Wolltest du mal mit jemandem reden? Hattest du keine Lust auf deine nächste Reise? Das Buch sagt, ihr seid „Teilzieher“. Und im Internet lese ich, dass ihr als „Zugopportunisten“ geltet. Ich wusste nicht, dass Biologen so gemein sein können. Es ist doch absolut in Ordnung, die eigenen Entscheidungen im Kontext der jeweiligen Umstände zu reflektieren. – Vielleicht warst du einfach nur vorübergehend erschöpft.

Bei Bremen fließt die Weser durchs 18. Jahrhundert

Fährt man bei Bremen über die Weser, im Zug oder auf der Autobahn, dann bietet sich ein seltener Anblick: ein Fluss, der noch ziemlich frei in der Landschaft liegt, mit weichen Ufern, mit unscharfen Übergängen in Wiesen und Weiden, manchmal sind größere Bereiche überschwemmt. Ein mildes, wohltuendes Panorama, ungewöhnlich in Zeiten, in denen Flüsse meist Kanälen gleichen.

– – Okay, bevor Ihr jetzt alle hinfahrt: Ich hab die Sache ein bisschen romantisiert, genau genommen sind dort die Deiche nur ein Stück zurückgesetzt, so dass der Fluss mehr Raum hat. Aber schon das verändert in bemerkenswerter Weise das Landschaftsbild.

Lehren des Waldes

Auch das siehst du ja kaum in der Stadt: Dinge, die sich selbst überlassen werden, Holz in allen Stadien des Verfalls und der Zersetzung, von Insekten bewohnt, von Moos überzogen, mit Pilzen besetzt. Und dieser ungeheure Baum – jetzt liegt er da. Du siehst, vom Blühen bis zum Vergehen, das ganze Bild. Nicht nur, wie in den Parks, das vermeintlich Schöne, das, für sich genommen, doch nur die halbe Wahrheit ist. Und dieses Moos und dieser Schimmer – wer sagt, wo hier die größre Schönheit ist?

Und die Welt steht still

Ich stolpere in eine Klassik-Sendung. Es singt Maria Callas. Wie gebannt höre ich zu, ich lasse alles liegen, es ist, als hielte die Welt ihren Lauf an. Diese warme, leuchtende Stimme, die Sicherheit, mit der sie ihre Wege geht. Man spürt: Kunst hat in ihrem Wesen gerade nichts Künstliches, sondern äußert sich vollkommen natürlich. Dass es so etwas gegeben hat! Es ist, als zeige die Welt eine ihrer tiefsten Möglichkeiten.

In höheren Lagen

Richtig, das gibt es, ich hatte es vergessen: dass man auf gleicher Höhe mit den Wolken ist, manchmal auch darüber. Gemächlich und düster ziehen sie vor dem gegenüberliegenden Hang vorbei. In meinem Kopf schweben die Worte: die befreundeten Wolken…

Die Schönheit aber hindert einen nicht am Schwitzen. Weitere Worte und Sätze. Du hast den Berg vor dir wie einen Bruder oder Gegner. Oder wie einen Gegner, der dir zum Bruder wird.

Beim Abstieg dann wird es wieder milder. Eine Alm. Es gibt kaum etwas Dekorativeres als einige auf einer Alm verteilte Felsblöcke. Als hätten hier Riesen gespielt. Wenn, haben sie ihr Spiel in einem sehr guten Moment abgebrochen. Vielleicht mit dem Satz: Jetzt liegen sie richtig.

Rätsels Bewohner über Frühlings Erwachen  

Das Frühjahr ist, unter anderem, auch eine Zeit erhöhten Verkehrsaufkommens. Kröten wandern, Hummeln patrouillieren dicht über den Waldboden, Schmetterlinge werfen sich scheinbar wirr und haltlos durch die Lüfte (obwohl es für ihre Bewegungsmuster gewiss Erklärungen gibt, die nicht schlechter sind als die für mein Weltherumlaufen).

Denkwürdig aber doch, wie tief – wie viel tiefer als beim Menschen – ein Teil des Naturlebens in jahreszeitliche Abläufe eingesenkt ist.