Thema: „Philosophie“

Die Frage ist zu gut, um sie mit einer Antwort zu verderben.

Robert Koch

Wirklichkeiten

Man kann den verbreiteten Materialismus beklagen, das tun viele. Aber überwinden ließe er sich nur, wenn seine Voraussetzungen gesehen werden, wenn an der Wurzel angesetzt wird. Diese Wurzel ist ein Weltverständnis, das im Grunde nur die materielle Welt als wirklich ansehen kann und glaubt, dass alles auf dieser Ebene entschieden wird: im Handfesten, Sichtbaren, Greifbaren. Ein solches Weltverständnis mündet fast automatisch in materialistische Mentalitäten und Fixierungen, weil es eben gar keinen Zugang zu anderen Dimensionen der Wirklichkeit findet. Wenn überhaupt müsste man also mit der Frage beginnen, ob der heute üblichen Optik Entscheidendes entgeht, man müsste am Weltverständnis ansetzen. Das tun wenige.

Rätsels Bewohner – Was machst du falsch?

Von Hegel gibt es eine ungeheuerliche, fast verrückt erscheinende Äußerung. Der Mensch, so sagt er in seiner Berliner Antrittsvorlesung 1818, solle sich des Höchsten würdig achten, er könne von der Größe und Macht des Geistes nicht groß genug denken: „Das verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft in sich, welche dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte; es muss sich vor ihm auftun und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genusse bringen.“

Wirklich?, möchte man antworten. Versuchen nicht Legionen von Physikern und Philosophen nichts anderes als das verschlossene Wesen des Universums zu öffnen – und stehen doch nur mit Splittern von Erkenntnis da, weit davon entfernt, dass jene Tiefen „vor Augen“ lägen? Bleiben wir nicht, trotz aller Anstrengungen, Bewohner eines Rätsels?

Denkbar wäre allerdings, dass wir auf falsche Weise, auf falschen Wegen suchen.

Zwei Fragen, eine Antwort

Ein Freund liegt – wieder einmal – nach einer schweren Operation im Krankenhaus, in der Todesabwehrfabrik, wie er es nennt. Aufs Bett gestreckt, sozusagen zwischen den Schläuchen hindurch, schaut er mich an. Etwas später: Er hätte zwei Fragen an mich, die er tags zuvor auch seinem Freund T. gestellt habe. Erstens, warum es kein Leben ohne Leiden gebe. Und zweitens, was ich antworten würde, wenn man mich vor dem Betreten der Welt fragte, ob ich reinwill. Und, um die Sache ein wenig zu verschärfen: falls Nein, ob ich dabei auch bliebe, wenn ich dann die Welt nicht einmal sehen dürfe. Er hat auch in solchen Lebenslagen noch Humor.

Ich hole tief Luft und gebe mein Bestes – aber natürlich gleiche ich dem kleinen Jungen, den Augustinus am Strand beobachtete, wie er mit einer Muschel das Meer ausschöpfen wollte. Und was hat T. geantwortet?, erkundige ich mich schließlich. – Er habe seine Hand genommen.

Da habe ich mich geschämt.

Trachte danach, die Aufgabe, die gerade vor dir liegt, mit gesammelter Kraft und in ernster, aber unverkrampfter Würde, in Liebe zu deinem Nächsten, in innerer Freiheit und Gerechtigkeit als Römer und als Mann zu erfüllen, und verschaff dir Ruhe vor allen anderen Gedanken!

Marc Aurel

Maß und Mittelmaß

Im Radio höre ich einen Beitrag über Aristoteles. Unter anderem geht es um seine Lehre vom rechten Maß. Dergleichen klingt wohl für die meisten Ohren heute, für meine auch, zunächst etwas altmodisch, klingt nach einer gebremsten Lebenshaltung, während heutzutage doch alle Welt nach Intensität und Leidenschaft lechzt. Das rechte Maß aber, wird in der Sendung deutlich, ist gerade nicht das Mittelmaß, sondern ein Optimum zwischen den Extremen. Zwischen Geiz auf der einen und Verschwendung auf der anderen Seite liegt die Großzügigkeit. Zwischen Feigheit und blindem Aktionismus liegt eine recht verstandene Entschlossenheit.

Eigentlich, denke ich, geht es hier um die Entwicklung von Lebensintelligenz, um eine volle – ja intensive! – Ausbildung dessen, was in uns liegt. Dass unsere Zeit dafür keinen Sinn hat und ihre hektische Glückssuche für ein großartiges Lebensprinzip hält – das ist mittelmäßig.

Der eigentliche Abgrund

Es gibt eine gewisse Art Denker, die richtige, notwendige Fragen stellen, aber unbefriedigende, teilweise fragwürdige oder abgründige Antworten geben. Friedrich Nietzsche oder Martin Heidegger könnte man hier nennen.

So unzulänglich dies sein mag – es ist immer noch mehr als das heute Übliche: die Fragen gar nicht mehr zu stellen. Die heute verbreitete Resignation, das Versunkensein ins Alltägliche, der klägliche Hedonismus, der die Wucht der Wirklichkeit gar nicht mehr spürt, der nur noch die Achseln zuckt und sich allen Ernstes jenseits des Ernstes wähnt – das ist der eigentliche Abgrund.

Erst was wir im Innern erleben, gibt uns den Schlüssel zu den Schönheiten der Außenwelt. Der eine fährt über das Meer, und nur wenig innere Erlebnisse ziehen durch seine Seele; der andere empfindet dabei die ewige Sprache des Weltgeistes.

Rudolf Steiner

Mächte der Gegenwart (2): Fokussierung

Die Dynamik der Moderne hat eine zentrale Voraussetzung: ein neues Verhältnis zur Welt, ein kühler, analytischer Blick auf die Wirklichkeit, genauer: die entschiedene Eingrenzung dessen, was überhaupt noch als Wirklichkeit aufgefasst wird: die materielle Welt. Ihr wendet sich die neuzeitliche Mentalität mit nie dagewesener Intensität und Präzision zu, und mit entsprechenden Erfolgen. Dass es neben ihr, hinter ihr, in ihr noch andere Bezüge und Wirklichkeiten geben könnte (geistige oder seelische, wie sie traditionell genannt werden), das wird entweder ausdrücklich geleugnet wie im philosophischen Materialismus oder nur noch hilflos bejaht: als eine diffuse Annahme, als Ahnung eines irgendwie Höheren, das der Beliebigkeit des Glaubens überlassen bleibt. An die Physik glauben alle, jenseits von ihr glaubt der eine dies, der andere das, manche gar nichts. Der Präzision und Methodik im Materiellen steht eine Willkür, ja Verwahrlosung im Mentalen gegenüber.

Im Prinzip ist diese Spaltung charakteristisch für die gesamte heutige westliche Kultur. In zugespitzter Form aber zeigt sie sich bei deren Vormacht, den USA, wo sich eine außerordentliche praktische Intelligenz vielfach mit verstörend primitiven Weltbildern paart. Dann koexistieren hochmoderne Technologien mit degenerierten Resten religiöser Traditionen.

Dies aber

Was das große Ganze betrifft, eine umfassende Weltdeutung, ein „Weltbild“, bin ich ratlos. Wie das alles zusammenpassen soll – ich weiß es einfach nicht. Sicher aber weiß ich, wofür ich kämpfe: für genaue, eigenständige Beobachtung und Reflexion. Somit gegen die Drift ins Mechanische und Konventionelle, die allenthalben zu beobachten ist. Sie ist, jenseits der Deutungsunterschiede im Einzelnen, die eigentliche und tiefere Gefahr.