Thema: „Psychologie“

Leinwand-Lügen

Die erste und vielleicht schon größte Unwahrheit einer gewissen glatten hollywood-förmigen Filmwelt ist die: dass das Böse und Negative sofort als solches erkennbar wäre. In einem der jüngsten Streifen zum Beispiel, in Shape of Water, tritt recht bald und mit einigem Effekt ein Typ ins Bild, mit Quadratschädel und ziemlich schlechten Manieren, und du weißt sofort: Der ist es. Er hat dann noch einen Ober-Bösen über sich, der weniger poltert, aber auch nicht interessanter ist. An denen arbeiten sich dann die Guten ab, die genauso eindimensional angelegt sind, als Hülsen für billige Identifikation, ohne jede Tiefe und innere Spannung.

Und so etwas bekommt den Goldenen Löwen in Venedig, zwei Golden Globes und vier Oscars. Das ist die Fortsetzung der Lüge mit anderen Mitteln. Man könnte auch sagen: Die Produktion solcher Filme, die die Wirklichkeit vernebeln, unseren Orientierungssinn lähmen und uns in einfach zu bedienende Kitschmenschen verwandeln wollen – das ist das weniger leicht erkennbare Böse.

Dummheit, die man bei anderen sieht,
Wirkt meist erhebend aufs Gemüt.

Wilhelm Busch  

Rätsels Bewohner meditiert über Büchermachens Ende

Ich kenne einen Menschen, der weiß zu viel, um die Welt wirklich zu verstehen. Oder vielleicht sollte man sagen: Er weiß zu viele Einzelheiten, zu viel Mittelwichtiges, um an das Wichtige noch ranzukommen. Er durchwühlt alle Zeitungen, kennt alle Meinungen, Standpunkte, Einwände – aber die stehen jetzt überall im Wege, ständig stößt er an, er kann sich gar nicht mehr leicht und frei bewegen. Man muss sich aber frei bewegen können, um die Dinge gründlich zu untersuchen, sich ein eigenes Bild zu machen, vielleicht allmählich Klarheit und Sicherheit zu gewinnen. Bedeutsam ist ja nicht Wissen, sondern verarbeitetes Wissen.

Wie in der Medizin kann eben etwas in einer gewissen Dosierung hilfreich sein, darüber hinaus wirkt es eher nachteilig. Dann ist, wie schon der Prediger Salomo wusste, des „Büchermachens kein Ende“.

Anthroposophie (12): Stoßlüftung

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass man, wenn man über längere Zeit hauptsächlich Steiner gelesen hat und dann plötzlich vom Regal herab ein Nietzsche-Band aufgeschlagen vor Augen fällt – dass man dann aufatmen, ja auflachen kann! Denn diesen Übermut und diese Eleganz, die hatte man vermisst, und selbst die Bosheiten, die doch die schönsten Wahrheiten transportieren. Wer außer Nietzsche hätte diese Witterung, die selbst noch Moleküle falscher Ambition anzeigt, wer wäre ein größerer Experte für die Tücken der Moralität, die Sumpfgebiete der Bigotterie? Kein anderer hat ein solches Auge für den psychologisch nicht gedeckten, unredlichen Aufstieg. – Wer in religiösen oder spirituellen Räumen herumsteigt, sollte sich, finde ich, unterwegs immer mal mit Nietzsche austauschen.

Entwicklungswesen

In einem Wesen, das sich entwickeln kann, somit auch im Menschen, gibt es zwei Grundmöglichkeiten. Die eine ist, dass ein bestimmter Entwicklungsstand, eine bestimmte innere Disposition, ausgelebt wird und Ausdruck findet. Die andere ist, dass die Disposition selbst sich ändert.
Im Grunde geschieht immer beides zugleich. In der Regel aber hat das Erste ein deutliches Übergewicht. Es ist das Leichtere und ist in seinen Wirkungen deutlicher sichtbar. Das Zweite ist ein stiller, unscheinbarer Prozess, letztlich aber von der größeren Tragweite. Hier wird manches angelegt, das erst viel später Früchte tragen wird.

Man könnte größenwahnsinnig werden: so wenig wird man anerkannt.
Karl Kraus

Wenige

Es gibt Tage, da erscheint mir die Welt wie eine Versammlung von Autisten. Jeder steckt in seinem eigenen Kosmos, zirkuliert in seinen eigenen inneren Abläufen, einen wirklichen Austausch gibt es nicht, man ist zusammen, ohne in Verbindung zu treten.
Dann fällt mir ein: Doch, ich kenne auch Menschen, die andere wahrnehmen, die ihre Umgebung zu lesen versuchen, die zum Beispiel auch ein Bild oder einen Text zu verstehen versuchen, ohne sogleich ihre drei, vier gedanklichen Raster drüberzustülpen.
Es sind wenige, sehr wenige. In ihrer Gegenwart atmet sich leichter. Sie tun etwas Ungewöhnliches: die Dinge erst mal anschauen, nicht immer gleich urteilen, nicht immer gleich alles zu wissen glauben. Aber das Einfache ist ebenso schwierig wie selten.

Es lohnt sich nicht!

In der spirituellen Entwicklung versteckt sich eine kleine Gemeinheit. Am Anfang, wenn ein Mensch sich auf diesen Weg begibt, erhofft er in der Regel große Fortschritte, mentale Höhenflüge und stellt sich vor, wie ihn die anderen einst bewundern werden. Am Ende aber, falls er tatsächlich den schwierigen Weg zurückgelegt und ein tieferes Sein erreicht hat, hat er nichts mehr davon. Die Eitelkeit, die all dies genießen könnte, hat sich unterwegs in Wohlgefallen aufgelöst.

In Gesellschaft

Alle wollen reden – und kaum einer zuhören.

Volle Härte, voller Trost

Dieser Tage bin ich wieder mal in einen Psalm geraten, Psalm 91. Zeitweise, es ist schon eine Weile her, habe ich regelmäßig in den Psalmen gelesen, habe mich mit ihrer Hilfe innerlich über Wasser gehalten. Manche können wohl mit diesen alten Gebeten und Gesängen nichts anfangen, ich finde sie brandaktuell. Es gibt ja auch eine Aktualität des Herzens. Hier spricht der Mensch in seiner Not, in seiner Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit. Besonders gut finde ich, dass hier die Wucht des Daseins nicht vertuscht wird, dass nichts süßgeredet wird, sondern der Mensch sein Ausgeliefertsein in starken Worten ausspricht. – Selbstverständlich, wenn man mit dem „Zorn Gottes“ ein Problem hat, hat man auch ein Problem mit den Psalmen. Es gibt auch aggressive Passagen darin, an denen religiöse Fanatiker ihre Freude haben können. Man muss eben versuchen, diese Bilder und Gefühlswelten richtig zu verstehen. Und welch poetische Bilder! Mir sagen sie mehr als die braven psychologischen Begriffe, die heute in Umlauf sind.
In Psalm 91 wird dem Menschen versprochen, er werde unter Gottes Flügeln Schutz finden – „… dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.“ An diesen Worten bleibe ich hängen. Das Grauen der Nacht kenne ich eigentlich nicht; dafür sollte ich wohl etwas dankbarer sein als ich es bin. Aber die Pfeile am Tag, die kenne ich. O wie gut kenne ich diese Pfeile! Ich sehe sie fliegen, wenn Leute in scheinbar harmlosem Gespräch zusammenstehen, ich sehe sie durch den Konferenzraum fliegen, sogar durch die Flure, vielleicht bin ich etwas überspannt – überall Pfeile! – Die heutigen Pfeile sind natürlich schön unsichtbar. Aber ich sehe, wie sie treffen, andere und mich selbst. Als Mensch wird man ja, so empfinde ich es, ständig getroffen und gekränkt und geht am Ende mit allerhand Narben durchs Leben. Und doch, mit etwas Glück und Vertrauen, immer noch aufrecht. Die Pfeile fliegen und können einem doch nichts anhaben. Man kann es als Wunder empfinden. Davon sprechen die Psalmen.