Thema: „Psychologie“

Man könnte größenwahnsinnig werden: so wenig wird man anerkannt.
Karl Kraus

Wenige

Es gibt Tage, da erscheint mir die Welt wie eine Versammlung von Autisten. Jeder steckt in seinem eigenen Kosmos, zirkuliert in seinen eigenen inneren Abläufen, einen wirklichen Austausch gibt es nicht, man ist zusammen, ohne in Verbindung zu treten.
Dann fällt mir ein: Doch, ich kenne auch Menschen, die andere wahrnehmen, die ihre Umgebung zu lesen versuchen, die zum Beispiel auch ein Bild oder einen Text zu verstehen versuchen, ohne sogleich ihre drei, vier gedanklichen Raster drüberzustülpen.
Es sind wenige, sehr wenige. In ihrer Gegenwart atmet sich leichter. Sie tun etwas Ungewöhnliches: die Dinge erst mal anschauen, nicht immer gleich urteilen, nicht immer gleich alles zu wissen glauben. Aber das Einfache ist ebenso schwierig wie selten.

Es lohnt sich nicht!

In der spirituellen Entwicklung versteckt sich eine kleine Gemeinheit. Am Anfang, wenn ein Mensch sich auf diesen Weg begibt, erhofft er in der Regel große Fortschritte, mentale Höhenflüge und stellt sich vor, wie ihn die anderen einst bewundern werden. Am Ende aber, falls er tatsächlich den schwierigen Weg zurückgelegt und ein tieferes Sein erreicht hat, hat er nichts mehr davon. Die Eitelkeit, die all dies genießen könnte, hat sich unterwegs in Wohlgefallen aufgelöst.

In Gesellschaft

Alle wollen reden – und kaum einer zuhören.

Volle Härte, voller Trost

Dieser Tage bin ich wieder mal in einen Psalm geraten, Psalm 91. Zeitweise, es ist schon eine Weile her, habe ich regelmäßig in den Psalmen gelesen, habe mich mit ihrer Hilfe innerlich über Wasser gehalten. Manche können wohl mit diesen alten Gebeten und Gesängen nichts anfangen, ich finde sie brandaktuell. Es gibt ja auch eine Aktualität des Herzens. Hier spricht der Mensch in seiner Not, in seiner Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit. Besonders gut finde ich, dass hier die Wucht des Daseins nicht vertuscht wird, dass nichts süßgeredet wird, sondern der Mensch sein Ausgeliefertsein in starken Worten ausspricht. – Selbstverständlich, wenn man mit dem „Zorn Gottes“ ein Problem hat, hat man auch ein Problem mit den Psalmen. Es gibt auch aggressive Passagen darin, an denen religiöse Fanatiker ihre Freude haben können. Man muss eben versuchen, diese Bilder und Gefühlswelten richtig zu verstehen. Und welch poetische Bilder! Mir sagen sie mehr als die braven psychologischen Begriffe, die heute in Umlauf sind.
In Psalm 91 wird dem Menschen versprochen, er werde unter Gottes Flügeln Schutz finden – „… dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.“ An diesen Worten bleibe ich hängen. Das Grauen der Nacht kenne ich eigentlich nicht; dafür sollte ich wohl etwas dankbarer sein als ich es bin. Aber die Pfeile am Tag, die kenne ich. O wie gut kenne ich diese Pfeile! Ich sehe sie fliegen, wenn Leute in scheinbar harmlosem Gespräch zusammenstehen, ich sehe sie durch den Konferenzraum fliegen, sogar durch die Flure, vielleicht bin ich etwas überspannt – überall Pfeile! – Die heutigen Pfeile sind natürlich schön unsichtbar. Aber ich sehe, wie sie treffen, andere und mich selbst. Als Mensch wird man ja, so empfinde ich es, ständig getroffen und gekränkt und geht am Ende mit allerhand Narben durchs Leben. Und doch, mit etwas Glück und Vertrauen, immer noch aufrecht. Die Pfeile fliegen und können einem doch nichts anhaben. Man kann es als Wunder empfinden. Davon sprechen die Psalmen.

Vertigo

Starke Schwindelgefühle. Beim HNO-Arzt muss ich bestimmte Tests machen, Gleichgewichtsorgan, Hörvermögen – alles sei ok, sagt er. Dann noch, um andere, bedrohlichere Ursachen auszuschließen, schieben sie mich in die Röhre, „MRT des Schädels“. Aber auch hier keinerlei auffälliger Befund. Was ja an sich erfreulich ist.
Was allerdings in Mediziner-Kategorien nur bedeutet: Es entspricht dem anatomischen Standard. Auf den Schnittbildern, sie liegen vor mir, sieht offenbar alles so aus, wie es bei Menschen eben üblicherweise aussieht. – In meinem Kopf sieht alles aus wie bei den anderen? Ein bisschen beleidigt bin ich schon.

Wenn schon

Beim Selbstlob gibt es eine Art Umschlagpunkt. Bis zu einer gewissen Höhe ist es unangenehm, danach – es muss nur dreist genug sein – wird es wieder genießbar.
Ein Beispiel? Hören wir doch einen Meister wie Arno Schmidt: „Ich finde wenige, die häufiger recht hätten als ich.“

Opfer und Eigenständigkeit

Eine Biologin hat das Leben eines kleinen Kraken erforscht. Er ist nur etwa zehn Zentimeter groß, hat acht Fangarme und ist noch in Meerestiefen von über 4000 Metern anzutreffen. Seine Eier heftet er an den Stängel eines Schwammes, legt sich dann zum Schutz mit seinem ganzen Körper darüber und wartet, bis der Nachwuchs schlüpft. Das kann über vier Jahre dauern – ohne zu fressen. „Dann ist das Elternteil nur noch ein dünnes Häutchen und stirbt ab“, sagt die Biologin.
Das gute Tier lebt also in jeder Hinsicht sehr weit entfernt von der heutigen Psycho-Weisheit, dass man auch ein Stück weit an sich selbst denken solle. Aber man kann es auch verstehen.
Andererseits möchte ich den Kraken nicht uneingeschränkt als Vorbild empfehlen. Es wird einen Grund oder Sinn haben, dass die Evolution über dieses einfache Opfermodell hinausgegangen ist, in dem eine Generation nur die Brücke zur nächsten ist. Nur Flachköpfe wie die Nazis konnten solche biologischen Muster eins zu eins auf den Menschen übertragen. Zeigt sich doch schon bei höheren Tieren und vollends beim Menschen ein anderer, zweiter Zug der Entwicklung: dass nämlich die einzelnen Lebewesen nicht nur quasi verbraucht und als genetische Vehikel benutzt werden, sondern Individualitäten ausbilden, Entwicklungskeime sind, eigenständige Weltpole werden, Persönlichkeiten. Jedenfalls haben sie die grundsätzliche Fähigkeit dazu.
Das ist schön, macht die Sache aber in der Tat komplizierter als beim Kraken. Denn in uns ist beides: eine archaische Opferbereitschaft einerseits, die sich in Extremsituationen sofort zeigt (bei Fliegerangriffen warfen sich Mütter über ihre Kinder); und andererseits ein machtvoller Drang zur eigenen Entwicklung. Nicht zufällig hat ein Wort wie Selbstverwirklichung solche Bedeutung erlangt.
Wie wir diese beiden Seiten harmonisieren – dafür gibt es wohl verschiedene Lösungen. Eine ist ein pragmatischer Kompromiss, also der Versuch, ein Stück weit für andere und ein Stück weit für uns selbst zu leben. Mir scheint aber, im Menschen sind auch tiefere Möglichkeiten angelegt, in denen beides in eins fällt und der Gegensatz von Opfer und Eigenständigkeit bedeutungslos wird.

Kunst & Leben

Zumindest für die Neurotiker unter den Künstlern, mithin die große Mehrheit, gilt: Ein Künstler hat kein Leben. Ein Künstler hat nur ein Lebensarrangement, das er für günstig hält, um Kunst zu produzieren.

Fotomanie

Wirklich nichts gegen ein paar schöne Fotos! Aber die heutige Mode, fast wahllos zu fotografieren, alles festhalten zu wollen, muss andere Hintergründe haben. Ob vielleicht die Menschen in unserer Epoche die Dinge nicht mehr recht in ihre Seele aufnehmen können? Oder dieser Art Aufnahme (im doppelten Sinn) nicht mehr voll trauen? So dass sie das Erlebte auf andere Weise fixieren wollen? Man trägt es dann nicht in sich, sondern hat es irgendwo abgelegt. Das fing schon mit den Dia-Kästen an, heute setzt es sich in der Cloud fort. Statt interner eine externe Speicherung. Ein Veräußerlichungsprozess.

Es gibt Deutungen der Menschheitsentwicklung, die davon ausgehen, dass in unserer Epoche etwas ansteht und notwendig wäre, das man als innere Kräftigung des Individuums bezeichnen könnte: dass der Mensch nicht nur irgendwie durch die Welt rutscht, sondern sein Leben und Erleben immer voller mit Bewusstsein durchdringt. Die heutige Fotomanie aber deutet darauf hin, dass die Dinge im Moment eher noch in die Gegenrichtung laufen. Sie offenbart eine Erlebnisschwäche, ein Verarbeitungsproblem, eine Art Innenschwäche. Und die Bilderflut ist nur ein hilfloser Ausgleichsversuch. Je weniger innen ankommt, desto hektischer wird nachgelegt. Falscher Ansatz.