Thema: „Religion“

Anthroposophie (16): Gemütlich ist es nicht

So wie es kulturelles Christentum gibt und kulturellen Islam, also ein milieuhaftes Hineinwachsen in diese Traditionen, ohne persönliche, ins Letzte gehende Eroberung und Entscheidung, so gibt es wohl inzwischen auch kulturelle Anthroposophie. Kraftlos sind sie alle. Denn die Kraft kann nur aus einem scharfen Prozess innerer Auseinandersetzung und Aneignung hervorgehen, der die Dinge ganz neu vor sich stellt.

Anthroposophie (10): Erklärung oder Offenbarung?

Auch wenn es allem widerspricht, was Steiner dazu sagte: Angesichts der Dimension des Neuen, das er vorlegt, angesichts der für das heutige Bewusstsein völlig fremden Räume, ja Welten, die er öffnet, haben seine Aussagen doch den Charakter einer Offenbarung; nicht in ihrem Anspruch, aber in ihrer faktischen Erscheinungsform.
Gewiss soll alles, wie Steiner sagt, für jeden nachvollziehbar und zugänglich sein. Aber zunächst einmal steht es bis heute für die Mehrzahl der Menschen wie eine fremde, überdimensionale Mitteilung im Raum, die erst nach und nach verständlich werden könnte. Der Vorgang gleicht dem, den Lessing visionär für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Christentum ins Auge fasste: „die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftswahrheiten“. (Selbstverständlich nicht zu verstehen als Einpassung der größeren Wirklichkeiten ins Menschenformat, sondern umgekehrt als dessen durchgreifende Öffnung zu jenen Wirklichkeiten, statt sie nur entwicklungsfaul aus der Ferne anzustaunen.)
Ob etwas Erklärung oder Offenbarung ist, ist gewissermaßen immer eine Frage der Entfernung, des mentalen Abstands zwischen Sender und Empfänger. Und es ist, in einem Entwicklungsmodell verstanden, eine Frage des Zeitpunktes. Den Satz des Pythagoras kann ein jüngeres Kind nur wie eine fremde Mitteilung, eine „Offenbarung“, hinnehmen, einem 15-Jährigen kann er allmählich durchsichtig und verständlich werden.

Volle Härte, voller Trost

Dieser Tage bin ich wieder mal in einen Psalm geraten, Psalm 91. Zeitweise, es ist schon eine Weile her, habe ich regelmäßig in den Psalmen gelesen, habe mich mit ihrer Hilfe innerlich über Wasser gehalten. Manche können wohl mit diesen alten Gebeten und Gesängen nichts anfangen, ich finde sie brandaktuell. Es gibt ja auch eine Aktualität des Herzens. Hier spricht der Mensch in seiner Not, in seiner Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit. Besonders gut finde ich, dass hier die Wucht des Daseins nicht vertuscht wird, dass nichts süßgeredet wird, sondern der Mensch sein Ausgeliefertsein in starken Worten ausspricht. – Selbstverständlich, wenn man mit dem „Zorn Gottes“ ein Problem hat, hat man auch ein Problem mit den Psalmen. Es gibt auch aggressive Passagen darin, an denen religiöse Fanatiker ihre Freude haben können. Man muss eben versuchen, diese Bilder und Gefühlswelten richtig zu verstehen. Und welch poetische Bilder! Mir sagen sie mehr als die braven psychologischen Begriffe, die heute in Umlauf sind.
In Psalm 91 wird dem Menschen versprochen, er werde unter Gottes Flügeln Schutz finden – „… dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.“ An diesen Worten bleibe ich hängen. Das Grauen der Nacht kenne ich eigentlich nicht; dafür sollte ich wohl etwas dankbarer sein als ich es bin. Aber die Pfeile am Tag, die kenne ich. O wie gut kenne ich diese Pfeile! Ich sehe sie fliegen, wenn Leute in scheinbar harmlosem Gespräch zusammenstehen, ich sehe sie durch den Konferenzraum fliegen, sogar durch die Flure, vielleicht bin ich etwas überspannt – überall Pfeile! – Die heutigen Pfeile sind natürlich schön unsichtbar. Aber ich sehe, wie sie treffen, andere und mich selbst. Als Mensch wird man ja, so empfinde ich es, ständig getroffen und gekränkt und geht am Ende mit allerhand Narben durchs Leben. Und doch, mit etwas Glück und Vertrauen, immer noch aufrecht. Die Pfeile fliegen und können einem doch nichts anhaben. Man kann es als Wunder empfinden. Davon sprechen die Psalmen.

Anthroposophie (2): Im Vergleich zur Religion

Der Unterschied zwischen dem heutigen kirchlichen Sprechen über tiefere Fragen und dem Steiners könnte in der Tat nicht größer sein. Wo auf der einen Seite alles um wenige große Chiffren kreist – Seele, Glaube, Gott, Erlösung –, wird auf der anderen Seite ein bis in die Einzelheiten gehendes, bis ins Letzte differenziertes Tableau höherer Erkenntnisse ausgebreitet. Es ist wie der Unterschied zwischen einem, der sagt: ich glaube, es gibt einen Seeweg nach Indien, und einem anderen, der auf einen Schlag die komplette Route einschließlich der Gestalt des zu umfahrenden Kontinents liefert, von Neufundland über die karibischen Inseln bis zur Magellanstraße.
Selbstverständlich ist das höchst erklärungsbedürftig.

Noch ein heiliger Franz

„Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein.“ Wer außer Franz Kafka hätte solche Sätze geschrieben?
Kafkas Bedeutung liegt nicht in den Antworten, die er gab; er hat überhaupt keine Antworten gegeben. Seine Bedeutung liegt in der Kompromisslosigkeit, mit der er die Fragen formulierte, die Abwesenheit von Antworten aushielt, den Platz freihielt. Eigentlich ist sein schmales Werk, sind auch seine Tagebücher nichts anderes als die aufrichtige, bewundernswerte, fast eitelkeitsfreie Besichtigung einer menschlichen Existenz, ohne Deutung, ohne Trost.
Im Grunde liegt in Kafkas Agnostizismus mehr innere Wahrhaftigkeit als in vielen frommen Gedankenwelten. Und sein Register der Leerstellen hat mehr Wert als der spirituelle Kitt und Kleister, mit dem andere die Dinge überdecken.

Alte Frau

Die vom Leben Überforderte,
die vom Leben Überfahrene
– sie hat ja alle Kraft zusammengenommen,
um die Kinder ins Leben zu leiten.
Jetzt aber ist alle Kraft dahin.

Ihre Tochter duscht sie und
reibt sie ein – es sind Gesten wie
aus einer anderen Welt.

Morgens, man kennt sie nicht anders,
in aller Herrgottsfrühe
liest sie im Koran,
denkt dann, dass sie hier auf Erden
eigentlich nichts mehr verloren habe.
Gott habe sie wohl vergessen, sagt sie manchmal
und schaut in den Raum.

Im Übrigen ist sie die einzige
Person, die ich kenne, die durch
geschlossene Türen gehen kann.

Wunder in Arbeit

Wie weit, wie schwierig sind diese Wege – die inneren Wege, die Entwicklungswege. Alle, die anderes behaupten und die versprechen, dass man mit ein paar Mantras oder Übungen die Sache schon hinbekomme, verbreiten spirituellen Kitsch. Oder sie schwindeln oder sind ahnungslos. So viel ist da aufzuarbeiten und auszubilden! Und so eisern gilt das Gesetz: In der mentalen Evolution gibt es ein Überspringen so wenig wie in der biologischen Evolution.

Aber gibt es nicht doch so etwas wie innere Wunder? Schon die Religion spricht doch vom Glauben, der Berge versetzen könne. Gibt es nicht also doch eine Kraft und Intensität, die fast unmittelbar in die Mitte durchschlagen kann?

Mag sein. Aber auch zu dieser Intensität ist es – ein weiter Weg.

Innen wie außen

Dass einer ernsthaft auf dem wichtigen Weg ist, zeigt sich daran, dass er das als richtig Erkannte überall in gleicher Weise praktiziert – dort, wo andere ihn beobachten, und dort, wo niemand zuschaut. Auch in den Bereichen, in die kein anderer hineinsieht, die volle Sorgfalt walten zu lassen, zeugt von großer Reife.

Die Bedeutung dieses Themas haben auf ihre Weise schon die Religionen angesprochen, wenn sie etwa dazu raten, das Gebet oder die Unterstützung von Mitmenschen diskret zu praktizieren; es gebe ja einen, „der in das Verborgene sieht“. Da ist die Sache gleichsam externalisiert. Sie wurde manchmal auch als erzieherischer Hebel missbraucht, wenn Kindern mit einem Gott gedroht wurde, der „alles sieht“.

Aber das ist nur die falsche Form eines richtigen Projekts. Dessen eigentliche, freie Form bedeutet: sich selbst treu sein, autonom sein, nicht das Gerede der anderen zum Maßstab nehmen, die Spaltung der eigenen Person aufheben. Man könnte auch sagen: Es geht um die Einheit des eigenen Lebens, um die Übereinstimmung von Außen und Innen.

Und dies nicht bloß im Bereich der Handlungen, sondern auch der Gedanken und Gefühle. Erst wenn wir verstehen, dass diese scheinbar luftigen Dinge nicht „egal“ sind, sondern wirksam und lebensprägend, ja dass das Unsichtbare so bedeutsam wie das Sichtbare ist – erst dann sind wir am zentralen Punkt.

Diesen Punkt haben Einzelne zu allen Zeiten erreicht. Fast alle Menschen achten mehr oder weniger aufs Äußere. Wie groß und wunderbar ist demgegenüber Sokrates’ Wunsch, er möge „schön im Innern“ werden! So einfach, so schwierig, so entwicklungsrelevant.

Sich stimmen

Joseph Haydn, von einem Kollegen einmal befragt, woher denn seine erstaunliche Produktivität komme, soll gesagt haben: „Ja sehen Sie, ich stehe früh auf, und sobald ich mich angekleidet habe, fall ich auf die Knie und bete zu Gott und zur heiligen Jungfrau, dass es mir heute wieder gelingen möchte. Hab ich dann gefrühstückt, so setze ich mich ans Klavier und fange an zu suchen.“

Ich finde, das ist, im Großen und Ganzen, die richtige Einstellung zur Arbeit. Sicherlich kann man die Dinge in etwas andere Begriffe übersetzen. In diesem Geist aber, mit oder ohne Jungfrau, kann Bedeutendes gelingen.

Innere Entwicklung

Es gibt keine Abkürzungen. Alles, alles muss aufgearbeitet werden, um keine schwierige Frage kommen wir herum.

Was es aber gibt: dass wir uns den Fragen stellen. Dass wir uns dem, was vor uns liegt, aussetzen statt in leeren alten Mustern zu kreisen.

Und es gibt helfende Prozesse. Die Liebe eines Menschen hat eine helfende Ausstrahlung. Sie erleichtert das Sich-Stellen. Auch das Religiöse kann eine solche Logik haben: dass es uns gleichsam in eine Geborgenheit taucht, die alles leichter macht. So könnte man Teresa von Avila verstehen, wenn sie sagte: „Beten ist das Verweilen bei einem Freund.“ Wir gehen freier und mutiger zurück in den Tag.

Insofern: Nichts vom Weg bleibt uns erspart. Die Frage ist eher, inwieweit wir uns überhaupt auf den Weg begeben.