Thema: „Schönheit“

Derselbe

Auf dem Waldweg ein Schmetterling, mit zusammengefalteten Flügeln, unscheinbar wie ein welkes Blatt. Zauberhaft schön aber, sobald er die Flügel öffnet. – So sind wohl, denke ich, auch manche Menschen.

Bei Bremen fließt die Weser durchs 18. Jahrhundert

Fährt man bei Bremen über die Weser, im Zug oder auf der Autobahn, dann bietet sich ein seltener Anblick: ein Fluss, der noch ziemlich frei in der Landschaft liegt, mit weichen Ufern, mit unscharfen Übergängen in Wiesen und Weiden, manchmal sind größere Bereiche überschwemmt. Ein mildes, wohltuendes Panorama, ungewöhnlich in Zeiten, in denen Flüsse meist Kanälen gleichen.

– – Okay, bevor Ihr jetzt alle hinfahrt: Ich hab die Sache ein bisschen romantisiert, genau genommen sind dort die Deiche nur ein Stück zurückgesetzt, so dass der Fluss mehr Raum hat. Aber schon das verändert in bemerkenswerter Weise das Landschaftsbild.

Lehren des Waldes

Auch das siehst du ja kaum in der Stadt: Dinge, die sich selbst überlassen werden, Holz in allen Stadien des Verfalls und der Zersetzung, von Insekten bewohnt, von Moos überzogen, mit Pilzen besetzt. Und dieser ungeheure Baum – jetzt liegt er da. Du siehst, vom Blühen bis zum Vergehen, das ganze Bild. Nicht nur, wie in den Parks, das vermeintlich Schöne, das, für sich genommen, doch nur die halbe Wahrheit ist. Und dieses Moos und dieser Schimmer – wer sagt, wo hier die größre Schönheit ist?

An der Fischtheke

Es ist nicht mehr ganz wie auf den südlichen Märkten, wo der Fang der Nacht direkt auf die Tische gewuchtet wird. Aber selbst hier im Supermarkt liegen noch ganze Tiere in ihrer vollen Gestalt, silbern und elegant, manche auch mit schaurigem Tiefseegesicht.

Ich schau sie an und denke: Du warst eben noch unterwegs, man sieht noch, wer du warst, man spürt noch, was du konntest. Auch wenn du geschlagen bist, man sieht dir noch die Freiheit an.

Da liegt also die Kreatur in ihrer Schönheit und ihrem Leid, noch nicht verwurstet und filetiert, noch als die, die sie war, erkennbar. Insofern herrscht an der Fischtheke noch ein Rest Ehrlichkeit, während die Wursttheke immer nur lügt.

Schönheit, wo bist du hin?

Zufällig ist mir eine Frau wieder begegnet, die mir vor einem Vierteljahrhundert schon einmal begegnet war. Damals war sie so verwirrend schön, dass ich in ihrem Beisein immer knapp am Atemstillstand war.

Jetzt habe ich sie zunächst nicht wiedererkannt. Ihr Gesicht ist fahl, sie ist offenbar in der Zwischenzeit durch ein komplettes Familienleben und durch eine schwere Krankheit gegangen. Sie ist jetzt sozial engagiert, wirkt ausgeglichen und warmherzig.

Schönheit, wo bist du hin? Hast du dich verwandelt in Charakter? Oder warst du immer nur die schöne Decke, die über dem Charakter lag?

Das Ferne nah

Am meisten fasziniert hat die ersten Astronauten, die zum Mond flogen, nicht die Wüste dort, die sprichwörtliche Mondlandschaft, sondern der Blick zurück – zur zarten blauen Erde, die wie entrückt am Horizont stand. Ergreifend war – das eigentlich Vertraute.

Liegt darin nicht ein Gleichnis? Das Bekannte anders sehen, distanzierter und liebender zugleich – ist das nicht aller Lebensreisen Sinn?

In höheren Lagen

Richtig, das gibt es, ich hatte es vergessen: dass man auf gleicher Höhe mit den Wolken ist, manchmal auch darüber. Gemächlich und düster ziehen sie vor dem gegenüberliegenden Hang vorbei. In meinem Kopf schweben die Worte: die befreundeten Wolken…

Die Schönheit aber hindert einen nicht am Schwitzen. Weitere Worte und Sätze. Du hast den Berg vor dir wie einen Bruder oder Gegner. Oder wie einen Gegner, der dir zum Bruder wird.

Beim Abstieg dann wird es wieder milder. Eine Alm. Es gibt kaum etwas Dekorativeres als einige auf einer Alm verteilte Felsblöcke. Als hätten hier Riesen gespielt. Wenn, haben sie ihr Spiel in einem sehr guten Moment abgebrochen. Vielleicht mit dem Satz: Jetzt liegen sie richtig.

Verlassenes Bahngelände

Früher waren wohl auch diese Schienen einmal blankgefahren, jetzt wachsen von rechts und links gemächlich die Pflanzen hinein. Rampen, Weichen, Nebengleise. Bei all diesen Strukturen hat sich mal jemand etwas gedacht! Heute fahren die Züge achtlos vorbei.

Sonst wird doch in diesem Land immer gleich alles weggeräumt. Aber die Bahn ist wohl so philosophisch entschleunigt, dass sie uns allenthalben kleine Zeichen der Vergänglichkeit hinterlässt. Wie schön sind doch diese Gärten der versunkenen Intentionen.

Ich würde es nicht scheu nennen

Das Pferd springt nicht höher als es muss, sagt man. Das Reh aber doch. Wenn du bei deinen Streifzügen zufällig eines antriffst und es das Weite sucht – dann mit so herrlichen Sprüngen, als wolle es zwar weg, aber nicht zu schnell, als wolle es doch noch etwas zeigen von seiner Leichtigkeit und seinem muskulären Übermut. Scheinbar gewichtslos bewegt es sich durch die Landschaft, springt über die Gräben wie Turner, die mitten im Sprung noch eine kleine Figur einschieben.

Irgendwann bleibt es dann stehen und schaut zurück.

Aber man kann ja in dieser Situation schlecht klatschen.

Die größte Deutlichkeit war mir immer die größte Schönheit.

Gotthold Ephraim Lessing