Thema: „Selbsterkenntnis“

Noch ein heiliger Franz

„Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein.“ Wer außer Franz Kafka hätte solche Sätze geschrieben?
Kafkas Bedeutung liegt nicht in den Antworten, die er gab; er hat überhaupt keine Antworten gegeben. Seine Bedeutung liegt in der Kompromisslosigkeit, mit der er die Fragen formulierte, die Abwesenheit von Antworten aushielt, den Platz freihielt. Eigentlich ist sein schmales Werk, sind auch seine Tagebücher nichts anderes als die aufrichtige, bewundernswerte, fast eitelkeitsfreie Besichtigung einer menschlichen Existenz, ohne Deutung, ohne Trost.
Im Grunde liegt in Kafkas Agnostizismus mehr innere Wahrhaftigkeit als in vielen frommen Gedankenwelten. Und sein Register der Leerstellen hat mehr Wert als der spirituelle Kitt und Kleister, mit dem andere die Dinge überdecken.

Und dann und wann ein Treffer

Ich glaube überhaupt nicht an Horoskope und solches Zeug. Aber wenn ich auf dem Zuckerpäckchen im Café die typischen Eigenschaften einer „Jungfrau“ lese, positive und negative, denke ich: Warum schreiben sie hier Sachen über dich?

Ein Leben zum Leben hin

Es gibt Lebensgeschichten, die man nur wie ein langwieriges Sich-Herausarbeiten verstehen kann. Es sind die Geschichten von Menschen, die nicht mit zwanzig oder dreißig ungefähr die sind, die sie sein können, sondern die wesentlich länger brauchen. Manche haben erst im Alter die Empfindung, annähernd so zu sein, wie es ihrem Wesen entspricht.
Eine große Rolle spielen dabei wohl die Ausgangsbedingungen. Manche Menschen starten tief verstrickt in bestimmte Verhältnisse, etwa familiäre Prägungen und Vorgaben, aus denen sie sich erst einmal lösen müssen. Oft haben sie auch weniger Hilfen, weniger befreiende Anregungen und Anstöße zur Selbstfindung. Eben darum, weil sie kein sicheres Gespür für sich selbst haben, verhaken sie sich häufig auch im weiteren Verlauf in bestimmten, eigentlich unpassenden Konstellationen, in einem entfremdeten Dasein. Und eben darum brauchen sie länger, um zu einer gewissen Klarheit zu finden. Das ist kein Grund zur Scham, es ist unter diesen Umständen ganz natürlich.
Vielleicht gibt es ja im Tierreich, in dem es fast alles gibt, irgendeine Art, deren Exemplare tief in der Erde geboren werden, deren Leben dann darin besteht, sich allmählich nach oben zu arbeiten und die erst ganz am Ende die Oberfläche erreichen, noch ein paar Tage im Licht verbringen und dann eingehen. Solche Menschen jedenfalls gibt es.
Und die harte Wahrheit ist: Manche erreichen nie die Oberfläche, sie enden schon auf dem Weg dorthin. Das heißt nicht, dass sie keine Entwicklung absolviert hätten. Vielleicht war es sogar eine große, bedeutende Entwicklung, nur war eben der Weg zu weit, war zu viel abzuarbeiten, waren zu viele Schichten abzutragen und zu durchdringen.
Insofern sollte man auch die beiden Phasen, das vorläufige und das „eigentliche“ Leben, nicht plump gegenüberstellen. Das Leben in der Erde ist eben auch schon Leben, das einzige, das wir zu diesen Zeiten haben. Die spirituellen Schlauberger werden sogar sagen: Gerade dein Leben in der Erde anzunehmen, fördert den Durchbruch nach draußen. Wahrscheinlich haben sie sogar recht. Nur sagen sie nicht die volle Wahrheit über die Mühen und Dramen des Weges.

Als ik kan

Jan van Eyck    („So gut ich es vermag“: Leitsatz des flämischen Malers, den er auf manchen seiner Werke notierte)

Auch das bist du

Wohl in jedem Leben gibt es diese beiläufigen, unbeobachteten Momente, in denen man nur ein bisschen aufräumt und umräumt, von hierhin dorthin geht, ein wenig kruschtelt, um es schwäbisch zu sagen, eine Fluse vom Teppich aufhebt. Man ist dann nicht mit den Hauptsachen des eigenen Lebens befasst, oder dem was man dafür hält, sondern mit sekundären und tertiären Dingen. Man lässt sich sozusagen zwischendurch unbeaufsichtigt, gleitet hinüber in eine halboffizielle Existenz, ein wenig verträumt und versonnen, vielleicht auch etwas kleinlich und obsessiv.

In diesen Momenten zeigt sich ein Mensch in besonderer Weise. Und sei es nur für sich selbst.

Seltsamerweise sind wir immer noch nicht perfekt

Ich habe einen Freund, der ist wie ein höchst empfindlicher Detektor menschlicher Schwächen. Wir reden zum Beispiel über einen Bekannten, der sehr achtbar durchs Leben geht, verlässlich, bodenständig, sogar bewundernswert offen, was eigene Ängste und Krisen betrifft. „Er meint allerdings immer, es müsse in jeder Krise eine Lösung geben“, kommentiert mein Freund. „Als könne man immer etwas machen. So ganz will er den Dingen manchmal nicht ins Auge sehen; da ist doch etwas, dem er ausweicht.“

Oder eine junge Frau aus der Nachbarschaft. Sie ist immer nett, umgänglich, es gibt nichts auszusetzen. „Aber ich spüre da doch Lebensangst.“ Freundlichkeit sei oft auch der Versuch, es allen recht zu machen, bloß keinen Konflikt zu riskieren. „Diese Kraft zum Konflikt hat sie wahrscheinlich nicht, ich kann sie verstehen.“

Man kann nicht einmal sagen, dass er mit seinen psychologischen Anmerkungen übertreibt. Er sieht eben genau hin und spürt, wenn die Sensoren anschlagen. Die sind sehr gut entwickelt, er ist selbst einer, der nicht mit dickem Pelz durchs Leben geht. Überhaupt wird man ihm ja seine Messgenauigkeit schwerlich vorwerfen wollen. Und die registriert eben jede Vertuschung, Eitelkeit und Mikro-Lebenslüge.

Hat er vielleicht zu wenig versucht, an seinen eigenen Schwächen zu arbeiten? Vielleicht. Das ist es ja, was auch den Blick auf die anderen verändert. Man möchte seinem Scharfsinn, sozusagen als Schwester, ein wenig Nachsicht wünschen, ja. Und uns auch.

Sind wir nicht fast alle wirklichkeitswund? Nur dass es manche nicht merken oder sich nicht eingestehen?

Paul Celan

Menschenkenntnis

Ich sitze in einem Imbiss, als etwas links von mir ein ungepflegter Mann Platz nimmt und einen Haufen Münzen auf den Tisch schüttet. Er will offenbar überschlagen, was er sich leisten kann. Zwischen seinen Beinen baumelt ein Urinbeutel, halb gefüllt. Zweifellos gäbe es Möglichkeiten, dezenter damit umzugehen, aber er ist wohl in einem Stadium, in dem ihm dergleichen egal ist. So richtig schmeckt mir das Essen nicht mehr.

Etwas rechts von mir nimmt eine ältere Frau Platz. Als sie den Mann entdeckt, verzieht sich das Gesicht. Sie mustert, wie mir scheint, angewidert die Szene. In mir baut sich leiser Groll auf. Soll sie doch froh sein, dass es ihr nicht ebenso geht, soll sie doch nicht weiter hinstarren, soll sie doch zur Abwechslung mal über sich selbst nachdenken.

Auf einmal reicht sie mir ein Zwei-Euro-Stück, ich möge es bitte an ihn weiterreichen.

Kollektive Individualität

Unsere Epoche lobt unentwegt das Individuelle und fühlt sich weit hinaus über die kollektiven Denk- und Glaubensformen früherer Zeiten. Dieses Selbstbild aber enthält viel Selbsttäuschung. Kennzeichnend für unsere Epoche ist tatsächlich die Einbildung von Individualität, die aber, als kollektives Phänomen, gerade nicht von Individualität zeugt. Fast alle meinen, etwas Besonderes zu sein, und sind eben damit – Durchschnitt.

Gegenprobe: Immer wieder kann man feststellen, dass heutzutage diejenigen, die am wenigsten Besonderheit für sich beanspruchen und noch einen Sinn für das Gemeinsame, für die Grundformen menschlicher Existenz haben, die originellsten Köpfe sind. Sie gehen am wenigsten den Mythen der Zeit auf den Leim.

Obwohl – vielleicht muss man die Dinge noch etwas tiefer interpretieren. In der Ahnung der eigenen Besonderheit könnte ja etwas Wahres stecken. Vielleicht ist tatsächlich jeder ein Besonderer, ist zumindest in jedem solche Besonderheit angelegt. Und vielleicht ist es das, was wir ständig dunkel spüren: das Uneingelöste, das in uns, wie in jedem Menschen, zum Vorschein kommen könnte. Dann aber käme es darauf an, diese zarte Individualität aufzufinden, sie herauszuarbeiten, sie lebensfest zu machen angesichts der erdrückenden Macht der gängigen Muster und Meinungen.

Welch schlichte, große Aufgabe! Es ist wohl so: Je mehr wir ihr gerecht werden, je mehr reale Individualität in Sicht kommt, desto uninteressanter wird das Theater der Pseudo-Individualitäten, der Accessoires, die Besonderheit nur vorspiegeln.

Mimikry

Es gibt Menschen, die eine bestimmte Lebenshaltung, etwa die des Genießers oder die des gelassenen Weisen, scheinbar perfekt verwirklichen und die doch, bei genauerem Hinsehen, eher das Gegenteil verkörpern. Wenn man sie besser kennt, spürt man zum Beispiel: Das, was nach außen als Lebensgenuss erscheint, als Leichtigkeit oder Spontaneität, ist im Grunde mühsam arrangiert, es ist Ausdruck einer Inszenierung. Diese Inszenierung ist häufig sogar so gut, dass der Betreffende selbst ihr glaubt und sich tatsächlich ein entsprechendes savoir vivre zuschreibt.

Solche Täuschung und Selbsttäuschung gibt es in vielen Varianten. Es gibt nicht nur eine schwere Art der Leichtigkeit, sondern auch eine anstrengende Art gelassen zu sein, eine kopflastige Art der Emotion oder eine künstliche Art, natürlich zu sein, genauer: so zu wirken. Zwischen den Simulationen und der tatsächlichen Verwirklichung liegt scheinbar immer nur eine Nuance, in Wahrheit aber eine Welt. Anders gesagt: Dazwischen liegt ein langer Entwicklungsweg. Denn dieser Weg setzt zunächst mal eine Dekonstruktion voraus. Der vermeintliche Lebenskünstler muss sich in seiner ganzen Angst und Unbeholfenheit sehen lernen, um dann, vielleicht, irgendwann, ein Achtel dessen zu erreichen, was er längst erreicht zu haben glaubte. Aber dieses Achtel ist sehr viel, es ist ein Stück realen Lebens in seiner fantastischen Unvollkommenheit, es trägt, in diesem Bruchstück, den Geschmack des Ganzen.

Vielleicht kann man anmerken, dass gerade intelligente Menschen leicht in eine solche Entwicklungsfalle geraten. Die anderen halten solche Inszenierungen nicht überzeugend durch. Sie sind gleichsam aus Unfähigkeit authentisch. Verstellung hingegen erfordert immer einen erheblichen mentalen Aufwand und eine beachtliche Kondition.