Thema: „Sonne“

September

Der Sonnenaufgangspunkt über dem gegenüberliegenden Haus verschiebt sich mit jedem Tag weiter nach rechts. So ist das eben in dieser Jahreszeit. Selbst wenn man den Herbst eigentlich mag, wenn er einem sozusagen atmosphärisch liegt – er kommt in diesen sonnenarmen Breiten stets zu früh. Fast könnte man sich versucht fühlen, sich gegen ihn anzustemmen, die Sonne ein wenig zurückzuschieben. So fern der Tag, an dem sie wieder auf dem First zurückwandert.

Planetarisch gedacht

Da ging ich diesen wunderbaren Feldweg, bog dann nach rechts in Richtung Süden, wo die Sonne stand. Kann doch nicht falsch sein, ging mir durch den Kopf, der Sonne an diesem kalten Herbsttag ein wenig näher zu kommen.

Ein wenig.

Jahreszeiten

Das soll jetzt schon wieder der Sommer gewesen sein? Nur noch mit Mühe schafft es die Sonne über das Haus gegenüber. Und es ist erst September! Aber Temperaturen, dass man darüber nachdenkt, die Heizung anzumachen. Der Herbst, ich weiß, kann schön sein. Eigentlich bin ich ein Herbstmensch. Oder war ich es nur? Ich habe keine Lust auf diesen Winter. Und das Frühjahr wird auch überschätzt. Man muss auch mal Stellung beziehen.

Abenddämmerung

Ihre atmosphärische Stärke liegt in ihrer Langsamkeit. In ihrer Stufenlosigkeit. Der Tag wird heruntergeregelt, die Dinge entfärben sich. Ist nicht sogar der Vogelflug ein anderer? Es ist, als ob die Vögel heimwärts flögen.

In vielen Kulturen ist dies eine Zeit des Gebets. Eines – vergleichsweise – mühelosen Gebets. Die Dankbarkeit liegt in dieser Stunde gleichsam in der Luft.

Es ist keine geringe Tatsache, dass unsere Kultur diese Übergänge ignoriert, dass sie gedankenlos über sie hinweglebt. Wir machen Licht an – und verdunkeln die Stunde.

Ist das gesund?

Ich sitze auf dem Balkon in der Sonne. Früher hätte ich gedacht: schön, hier in der Sonne zu sitzen. Jetzt denke ich: gut für den Vitamin-D-Haushalt.

Notizen von einer Chinareise 11: Huang Shan

„Nach einem Besuch der Fünf Heiligen Gebirge hat man keine Lust mehr, andere Berge zu sehen; vom Huang-Shan-Gebirge zurückgekehrt, hat man kein Interesse mehr an den Fünf Heiligen Gebirgen.“ So weit wie dieser chinesische Reisende vor vierhundert Jahren würde ich nicht gehen. Aber diese Landschaft ist tatsächlich von einer leicht extraterrestrischen Schönheit, vor allem, wenn (was ich nur auf Bildern sah) die spitzen Gipfel in Nebelschwaden zu schwimmen scheinen. Offenbar wurde einiges aus dem Film Avatar hier gedreht.

Vielleicht liegt der ästhetische Reiz dieses Gebirges in der entschiedenen Kombination aus Vertikalen und Horizontalen: Einerseits die steil aufragenden Granitfelsen, andererseits die Kiefern, die an den unmöglichsten Stellen wachsen und deren Äste unbeirrt zur Seite streben.

Aber diese Schönheit ist auch ein Problem. Es führen drei Seilbahnen hoch, an verschiedenen Stellen oben gibt es Hotels, an den attraktivsten Punkten Gedränge.

Wenn man zu Fuß hochgeht, sind das 700 oder 800 Höhenmeter bis zur Bergstation. Auf halber Höhe laden Träger zum Umstieg in die Sänfte ein – ein Stuhl, der zwischen zwei Bambusrohren befestigt ist. Aber die eigentliche Prüfung kommt erst danach, wenn man wenigstens einige der vielen Gipfel und Aussichtspunkte erreichen will. Bevor es weitere hundert oder zweihundert Meter hochgeht, geht es gerne erst mal ein ganzes Stück runter – da kommt was zusammen. Als ich, nach einer Übernachtung oben, am nächsten Tag absteige, sind meine Knie am Limit.

Wie am Uluru (Ayers Rock) in Australien gibt es verschiedene Sunset- und Sunrise-Viewing-Points. Morgens um fünf ziehen Scharen dorthin und schauen alle in die gleiche Richtung. Aber die Sonne tut nur, was sie immer tut.

Obwohl es (zumindest bis zu bestimmten Punkten) die Seilbahnen gibt, werden sämtliche Lebensmittel von Trägern nach oben geschleppt. Sie legen sich ein Bambusrohr über die Schulter, an dessen Enden die Lasten befestigt sind, fünfzig, manchmal auch über siebzig Kilo. Die meisten sind ausgemergelte Gestalten, die alle paar Schritte pausieren müssen. – Vielleicht ist es eine Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme. Aber zum Erbarmen ist es doch.

Noch mit leichtem Muskelkater wende ich mich einem anderen, kleineren Berg zu, dem Qiyun Shan, einem der vier heiligen Berge der Daoisten. Und hier, gar nicht weit vom Granit des Huang Shan, plötzlich Sandstein, genau der rötliche Ton der  süddeutschen Heimat. Bei jedem Schritt denke ich: Wie gut ich diesen Sandstein kenne! Halb Heidelberg ist daraus gebaut, die Alte Brücke, das Schloss, der Speyerer Dom. – Unter den Sandstein-Vorsprüngen einige Tempel, aber ich kann keine Verbindung herstellen zwischen dieser Räucherstäbchen-Szenerie und der Weisheit des Dao De Jing. Allenfalls dass alles so selbstverständlich in die Natur eingesenkt ist, eine Religiosität zwischen Bäumen und Felsen. – Immerhin sind da wieder meine Freunde, die Kunststudenten. Irgendwie beruhigt es mich, dass nicht alle Chinesen in Richtung Business streben, sondern manche auch was Vernünftiges machen.

Dämmerung

Du matte Schönheit
du Versinken
nimm doch von diesem ausgebleichten Tag
die Reste mit hinab
ich mag nicht mehr
es ist vorbei
ich zähle nicht auf bessre Tage
mag sein, dass morgen
die Sonne wieder scheint
ich habe nichts dagegen
ich werde mich vielleicht
ein wenig in ihr wärmen
als wär ich schon
im nächsten Leben.

Hier ist wohl sein

Im Kosmos – wie auch in manchen irdischen Verhältnissen – ist die Halbdistanz eine angenehme Position. Wenn Astrophysiker in den Weiten des Alls nach möglichen Orten des Lebens suchen, dann richten sie ihren Blick nicht auf andere Sterne, also Sonnen, sondern auf deren Nachbarschaft, auf die sie umkreisenden Planeten oder deren Monde. Auf den Sternen selbst müsste alles verbrennen. Aber in der Deckung einiger Millionen Kilometer – da wird es milder, da könnte es die eine oder andere Bakterienkultur oder Strohhütte oder Kneipe geben. Zwar hat nur etwa jeder zehnte Stern den Luxus von Planeten. Weil aber mindestens hundert Milliarden Galaxien eine unfassbare Zahl an Sternen enthalten, gibt es vermutlich mehrere Milliarden mögliche Labore des Lebens. Durchaus anzunehmen, dass sich hier und da etwas regt. Zum Beispiel hier.

Zum Glück ist sie da, zum Glück nicht zu nah

Manchmal hängt etwas sehr Komplexes von etwas sehr Einfachem ab

Eigentlich ist die Sonne nur ein primitiver Reaktor, der in jeder Sekunde einige Millionen Tonnen Wasserstoff in Helium umwandelt und dabei Strahlung freisetzt. Ohne sie aber kein Mauerblümchen, keine Möwe, kein Elefant, kein Shakespeare, kein Du, kein Ich.

Elementar

Keiner in ihrer Klasse, so erzählt die Lehrerin, hatte eine Vorstellung davon, wo morgens die Sonne aufgeht. Sie sind dann auf einen Turm gestiegen und haben sich die Sache mal angeschaut.