Thema: „Spiritualität“

(Aus einem Selbstgespräch)

Du musst nicht nur dorthin sehen. Du musst dorthin gehen.

Eitel ist es, sich ein langes Leben zu wünschen und sich um ein gutes Leben kaum zu bemühen.
Thomas von Kempen

Unter uns ujo

„Der Buddhismus unterscheidet alle Dinge in hijo – Dinge ohne Wunsch, wie Steine und Bäume – und ujo – Dinge, die Wünsche haben, wie Menschen und Tiere“, lese ich in einem Buch des Japan-Liebhabers Lafcadio Hearn. Das ist eine einfache und schöne Unterscheidung, über die man lange und in manchen Richtungen nachsinnen kann. Beispielsweise könnte die menschliche Sehnsucht nach der Natur damit zu tun haben, dass uns dort, anders als in den gesellschaftlichen Kampfwelten, viele „Dinge ohne Wunsch“ umgeben. Oder jedenfalls – wenn ich die Bussarde am Himmel sehe – mit Wünschen, die uns nicht tangieren. Und vielleicht praktizieren die Kühe, die darunter auf der Weide stehen, unter allen ujo die friedlichste Form der Wunscherfüllung. Zurückhaltender geht es einfach nicht. Die Inder haben wohl Grund, ein so genügsames, übergriffsfreies Leben mit Vorstellungen von Heiligkeit in Verbindung zu bringen.

Der Mensch soll sich in der Nacht und unter Tags stets eine gute Zeit nehmen, und in der soll er sich in seinen Grund hinein versenken, jeder auf seine Weise. Die edlen Menschen, die sich in Lauterkeit ohne Bilder und Formen in Gott versenken können, sie sollen es tun auf ihre Weise. Und die anderen sollen sich ebenfalls auf ihre Weise eine gute Stunde darin üben; jeder auf seine Weise.
Johannes Tauler

Geheimtipp

Wenn du nicht mehr weiter gehen kannst, versuche es mit fliegen.

Wir Wunschkinder

In den 1960er-Jahren, nach Einführung der „Pille“, ging die jährliche Geburtenzahl in der Bundesrepublik von etwa 1,3 auf 0,8 Millionen Kinder zurück. Diese 800.000 waren dann wohl, denke ich, der Netto-Kinderwunsch. Und schließe zurück: Vorher war etwa jedes dritte Kind nicht vorgesehen. Ziemlich harte Aussage.
Nun ist ja alles immer komplizierter als man denkt und ich lerne gerade, dass diese Entwicklung, diese Abnahme, nur teilweise auf neue Verhütungsmöglichkeiten zurückzuführen war. Neben anderen Faktoren spielte auch der wachsende Wohlstand eine Rolle, der in allen Kulturen zu einem reduzierten Kinderwunsch führt. (In Japan gab es einen entsprechenden „Knick“ praktisch ohne Pille.) Trotzdem darf man wohl festhalten, dass – früher mehr, heute weniger – manches süße Wesen ohne offizielle Erlaubnis auf diesem Planeten erscheint. Die Frage ist, wie sich Eltern und später auch das Kind dazu stellen und stellen können.
Ich habe Freunde, die hatten ihre Familienplanung nach Nummer zwei eigentlich abgeschlossen, sie wähnten sich auch sozusagen biologisch inzwischen auf der sicheren Seite, da kam plötzlich Nummer drei angesegelt. Es hat ihr Leben ordentlich durcheinandergewirbelt, sie wollten aber kein Veto einlegen. Eine Rolle spielte wohl auch das Empfinden, dass der Mensch hier vor Fragen steht, die er nicht rein pragmatisch, mit einem dürren Passt-gerade-nicht, entscheiden sollte. Oder, wie sie es ausdrückte (sie sprechen dort englisch): Maybe there is a greater plan.
Das ist, finde ich (auch wenn ich leider den großen Plan bislang nicht vollständig einsehen kann), eine gute Haltung. Und zwar nicht im Sinne irgendeines Aberglaubens, sondern aus dem schlichten Bewusstsein heraus, dass die Welt weiträumiger ist als die meisten Menschenhirne. Was auch immer Eltern planen oder ihnen nur unterläuft – es steht in größeren Zusammenhängen. Pathetisch gesagt: Sind wir nicht ihre Wunschkinder, so sind wir doch Wunschkinder des Universums. (Manche mögen sagen: Gottes Kinder.)
Fassen wir zusammen. Eltern sind extrem wichtig, aber nicht alles entscheidend. Unter welchen Vorzeichen auch immer ein Wesen in diese Welt gerät: es tut gut daran und hat allen Grund, sich als willkommen, zurechnungsfähig, voll verantwortlich und glücksfähig zu betrachten. Kein Grund, gewisse Ausgangsfaktoren wie ein Urteil oder Schicksal anzusehen.

Noch ein heiliger Franz

„Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein.“ Wer außer Franz Kafka hätte solche Sätze geschrieben?
Kafkas Bedeutung liegt nicht in den Antworten, die er gab; er hat überhaupt keine Antworten gegeben. Seine Bedeutung liegt in der Kompromisslosigkeit, mit der er die Fragen formulierte, die Abwesenheit von Antworten aushielt, den Platz freihielt. Eigentlich ist sein schmales Werk, sind auch seine Tagebücher nichts anderes als die aufrichtige, bewundernswerte, fast eitelkeitsfreie Besichtigung einer menschlichen Existenz, ohne Deutung, ohne Trost.
Im Grunde liegt in Kafkas Agnostizismus mehr innere Wahrhaftigkeit als in vielen frommen Gedankenwelten. Und sein Register der Leerstellen hat mehr Wert als der spirituelle Kitt und Kleister, mit dem andere die Dinge überdecken.

Tausend Kerzen kann man am Licht einer Kerze anzünden, ohne dass ihr Licht schwächer wird.
Buddha

Wunder in Arbeit

Wie weit, wie schwierig sind diese Wege – die inneren Wege, die Entwicklungswege. Alle, die anderes behaupten und die versprechen, dass man mit ein paar Mantras oder Übungen die Sache schon hinbekomme, verbreiten spirituellen Kitsch. Oder sie schwindeln oder sind ahnungslos. So viel ist da aufzuarbeiten und auszubilden! Und so eisern gilt das Gesetz: In der mentalen Evolution gibt es ein Überspringen so wenig wie in der biologischen Evolution.

Aber gibt es nicht doch so etwas wie innere Wunder? Schon die Religion spricht doch vom Glauben, der Berge versetzen könne. Gibt es nicht also doch eine Kraft und Intensität, die fast unmittelbar in die Mitte durchschlagen kann?

Mag sein. Aber auch zu dieser Intensität ist es – ein weiter Weg.

Innen wie außen

Dass einer ernsthaft auf dem wichtigen Weg ist, zeigt sich daran, dass er das als richtig Erkannte überall in gleicher Weise praktiziert – dort, wo andere ihn beobachten, und dort, wo niemand zuschaut. Auch in den Bereichen, in die kein anderer hineinsieht, die volle Sorgfalt walten zu lassen, zeugt von großer Reife.

Die Bedeutung dieses Themas haben auf ihre Weise schon die Religionen angesprochen, wenn sie etwa dazu raten, das Gebet oder die Unterstützung von Mitmenschen diskret zu praktizieren; es gebe ja einen, „der in das Verborgene sieht“. Da ist die Sache gleichsam externalisiert. Sie wurde manchmal auch als erzieherischer Hebel missbraucht, wenn Kindern mit einem Gott gedroht wurde, der „alles sieht“.

Aber das ist nur die falsche Form eines richtigen Projekts. Dessen eigentliche, freie Form bedeutet: sich selbst treu sein, autonom sein, nicht das Gerede der anderen zum Maßstab nehmen, die Spaltung der eigenen Person aufheben. Man könnte auch sagen: Es geht um die Einheit des eigenen Lebens, um die Übereinstimmung von Außen und Innen.

Und dies nicht bloß im Bereich der Handlungen, sondern auch der Gedanken und Gefühle. Erst wenn wir verstehen, dass diese scheinbar luftigen Dinge nicht „egal“ sind, sondern wirksam und lebensprägend, ja dass das Unsichtbare so bedeutsam wie das Sichtbare ist – erst dann sind wir am zentralen Punkt.

Diesen Punkt haben Einzelne zu allen Zeiten erreicht. Fast alle Menschen achten mehr oder weniger aufs Äußere. Wie groß und wunderbar ist demgegenüber Sokrates’ Wunsch, er möge „schön im Innern“ werden! So einfach, so schwierig, so entwicklungsrelevant.