Thema: „Spiritualität“

Manches ist eben schwieriger als Radfahren

Es gibt Dinge, die hat man oft versucht und in so vielen Anläufen nicht geschafft, dass man kaum noch Hoffnung hat – und eines Tages klappen sie doch!

Es lohnt sich nicht!

In der spirituellen Entwicklung versteckt sich eine kleine Gemeinheit. Am Anfang, wenn ein Mensch sich auf diesen Weg begibt, erhofft er in der Regel große Fortschritte, mentale Höhenflüge und stellt sich vor, wie ihn die anderen einst bewundern werden. Am Ende aber, falls er tatsächlich den schwierigen Weg zurückgelegt und ein tieferes Sein erreicht hat, hat er nichts mehr davon. Die Eitelkeit, die all dies genießen könnte, hat sich unterwegs in Wohlgefallen aufgelöst.

(Aus einem Selbstgespräch)

Du musst nicht nur dorthin sehen. Du musst dorthin gehen.

Eitel ist es, sich ein langes Leben zu wünschen und sich um ein gutes Leben kaum zu bemühen.
Thomas von Kempen

Unter uns ujo

„Der Buddhismus unterscheidet alle Dinge in hijo – Dinge ohne Wunsch, wie Steine und Bäume – und ujo – Dinge, die Wünsche haben, wie Menschen und Tiere“, lese ich in einem Buch des Japan-Liebhabers Lafcadio Hearn. Das ist eine einfache und schöne Unterscheidung, über die man lange und in manchen Richtungen nachsinnen kann. Beispielsweise könnte die menschliche Sehnsucht nach der Natur damit zu tun haben, dass uns dort, anders als in den gesellschaftlichen Kampfwelten, viele „Dinge ohne Wunsch“ umgeben. Oder jedenfalls – wenn ich die Bussarde am Himmel sehe – mit Wünschen, die uns nicht tangieren. Und vielleicht praktizieren die Kühe, die darunter auf der Weide stehen, unter allen ujo die friedlichste Form der Wunscherfüllung. Zurückhaltender geht es einfach nicht. Die Inder haben wohl Grund, ein so genügsames, übergriffsfreies Leben mit Vorstellungen von Heiligkeit in Verbindung zu bringen.

Der Mensch soll sich in der Nacht und unter Tags stets eine gute Zeit nehmen, und in der soll er sich in seinen Grund hinein versenken, jeder auf seine Weise. Die edlen Menschen, die sich in Lauterkeit ohne Bilder und Formen in Gott versenken können, sie sollen es tun auf ihre Weise. Und die anderen sollen sich ebenfalls auf ihre Weise eine gute Stunde darin üben; jeder auf seine Weise.
Johannes Tauler

Geheimtipp

Wenn du nicht mehr weiter gehen kannst, versuche es mit fliegen.

Wir Wunschkinder

In den 1960er-Jahren, nach Einführung der „Pille“, ging die jährliche Geburtenzahl in der Bundesrepublik von etwa 1,3 auf 0,8 Millionen Kinder zurück. Diese 800.000 waren dann wohl, denke ich, der Netto-Kinderwunsch. Und schließe zurück: Vorher war etwa jedes dritte Kind nicht vorgesehen. Ziemlich harte Aussage.
Nun ist ja alles immer komplizierter als man denkt und ich lerne gerade, dass diese Entwicklung, diese Abnahme, nur teilweise auf neue Verhütungsmöglichkeiten zurückzuführen war. Neben anderen Faktoren spielte auch der wachsende Wohlstand eine Rolle, der in allen Kulturen zu einem reduzierten Kinderwunsch führt. (In Japan gab es einen entsprechenden „Knick“ praktisch ohne Pille.) Trotzdem darf man wohl festhalten, dass – früher mehr, heute weniger – manches süße Wesen ohne offizielle Erlaubnis auf diesem Planeten erscheint. Die Frage ist, wie sich Eltern und später auch das Kind dazu stellen und stellen können.
Ich habe Freunde, die hatten ihre Familienplanung nach Nummer zwei eigentlich abgeschlossen, sie wähnten sich auch sozusagen biologisch inzwischen auf der sicheren Seite, da kam plötzlich Nummer drei angesegelt. Es hat ihr Leben ordentlich durcheinandergewirbelt, sie wollten aber kein Veto einlegen. Eine Rolle spielte wohl auch das Empfinden, dass der Mensch hier vor Fragen steht, die er nicht rein pragmatisch, mit einem dürren Passt-gerade-nicht, entscheiden sollte. Oder, wie sie es ausdrückte (sie sprechen dort englisch): Maybe there is a greater plan.
Das ist, finde ich (auch wenn ich leider den großen Plan bislang nicht vollständig einsehen kann), eine gute Haltung. Und zwar nicht im Sinne irgendeines Aberglaubens, sondern aus dem schlichten Bewusstsein heraus, dass die Welt weiträumiger ist als die meisten Menschenhirne. Was auch immer Eltern planen oder ihnen nur unterläuft – es steht in größeren Zusammenhängen. Pathetisch gesagt: Sind wir nicht ihre Wunschkinder, so sind wir doch Wunschkinder des Universums. (Manche mögen sagen: Gottes Kinder.)
Fassen wir zusammen. Eltern sind extrem wichtig, aber nicht alles entscheidend. Unter welchen Vorzeichen auch immer ein Wesen in diese Welt gerät: es tut gut daran und hat allen Grund, sich als willkommen, zurechnungsfähig, voll verantwortlich und glücksfähig zu betrachten. Kein Grund, gewisse Ausgangsfaktoren wie ein Urteil oder Schicksal anzusehen.

Noch ein heiliger Franz

„Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein.“ Wer außer Franz Kafka hätte solche Sätze geschrieben?
Kafkas Bedeutung liegt nicht in den Antworten, die er gab; er hat überhaupt keine Antworten gegeben. Seine Bedeutung liegt in der Kompromisslosigkeit, mit der er die Fragen formulierte, die Abwesenheit von Antworten aushielt, den Platz freihielt. Eigentlich ist sein schmales Werk, sind auch seine Tagebücher nichts anderes als die aufrichtige, bewundernswerte, fast eitelkeitsfreie Besichtigung einer menschlichen Existenz, ohne Deutung, ohne Trost.
Im Grunde liegt in Kafkas Agnostizismus mehr innere Wahrhaftigkeit als in vielen frommen Gedankenwelten. Und sein Register der Leerstellen hat mehr Wert als der spirituelle Kitt und Kleister, mit dem andere die Dinge überdecken.

Tausend Kerzen kann man am Licht einer Kerze anzünden, ohne dass ihr Licht schwächer wird.
Buddha