Thema: „Tiefe“

Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.
Paul Klee

Der Mensch soll sich in der Nacht und unter Tags stets eine gute Zeit nehmen, und in der soll er sich in seinen Grund hinein versenken, jeder auf seine Weise. Die edlen Menschen, die sich in Lauterkeit ohne Bilder und Formen in Gott versenken können, sie sollen es tun auf ihre Weise. Und die anderen sollen sich ebenfalls auf ihre Weise eine gute Stunde darin üben; jeder auf seine Weise.
Johannes Tauler

Anthroposophie (3): Skizze

Will man einige anthroposophische Kernaussagen etwas frontaler als üblich aussprechen, könnte dies etwa so lauten:
1. Es gibt eine ausgedehnte, vielfältig gegliederte, sich durch die Zeiten entwickelnde unsichtbare Wirklichkeit, von der die sichtbare nur eine Art Ausläufer und Ausdrucksform ist.
2. Weil der Mensch immer, ob er es weiß oder nicht, in allen Dimensionen der Wirklichkeit lebt, kann auch das ihm Unbewusste, und sei es nur in einem schwachen Schimmer, gelegentlich sein Bewusstsein streifen. Wir nehmen sozusagen mehr wahr als wir wahrnehmen. Wir nehmen es aber in der Regel nicht ernst, weil es so gar nicht in unsere Begriffswelt passt.
3. Es gibt einen regulären Weg, um zu einer Erkenntnis tieferer Weltschichten zu gelangen. Leicht ist er nicht.
4. Ein Leben ohne Zugang zu tieferen Weltschichten ist, wie man täglich sieht, möglich. Es bedeutet aber eine beträchtliche Verkürzung des Weltseins.
5. Auf dieser unzulänglichen Grundlage lassen sich die schweren kulturellen und sozialen Verwerfungen unserer Zeit nicht bewältigen. Notwendig wäre dafür ein volles, realistisches Verständnis der Wirklichkeit. Zur Wirklichkeit aber gehört das Unsichtbare.

Schwierige Einfachheit

Geistige Entwicklungen, so nimmt man meist an, erfordern schwierige mentale Leistungen, den Aufbau komplizierter neuer Anschauungen und Vorstellungen. Das ist in gewissem Sinn auch richtig. In einem tieferen Sinn aber erfordern sie das Gegenteil, eine Vereinfachung und einen Abbau: den Abbau von Denkgewohnheiten und Sehgewohnheiten, die so verbreitet sind, dass sie kollektiven Wahnsystemen gleichen.

Wir müssen die Sonne nicht erfinden. Sie zeigt sich, wenn die Wolken verzogen sind. Und wir müssen die Welt nicht erfinden. Wir müssen nur die Schleier wegziehen, die unseren Blick hindern. Dieses Wegziehen aber – immer wieder verfangen wir uns, haben wir mit den Schleiern zu tun, durchforschen die Schleier, als wären sie die Welt… Was sie, nun ja, auch sind. Und doch…

Nirgends tiefer

Wo willst du hin?
Du bist am Ziel!

Die Wege, die du gehst
sind Wege zu dem Ort
an dem du stehst
und den du dennoch
erst erreichen musst.
Die Welt kann nirgends tiefer sein.

Kein Plan

Die Woche lag vor mir wie ein unberührter See, durch den ich in allen Richtungen tauchen konnte, rechts und links an den Schlingpflanzen vorbei, langsam in die Tiefen gleitend. Welche Fische mir begegnen, welche Welten sich öffnen würden – das sollte sich erst noch zeigen.

Die sind der Wahrheit näher, die heiter mit ihr umgehen, weil sie von ihrer Unerschöpflichkeit wissen.

Golo Mann

Oben wird selbstverständlich diskutiert

Ich behaupte nicht, dass alle Religionen gleich sind. Aber ich behaupte, dass man in allen Religionen tief graben muss, um die wasserführende Schicht zu erreichen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es nicht überall das gleiche Wasser ist, auf das man stößt.

Im Tiefsten

Es ist fast unbegreiflich, aber es ist wohl so: Wenn einer ganz im Tiefsten lebt, kann keine Lebenslage, selbst nicht äußerste Bedrängnis, die Empfindung der Geborgenheit außer Kraft setzen.

Einer der eindrucksvollsten Zeugen dafür ist Dietrich Bonhoeffer, der im Gefängnis, im Angesicht des Todes, im Dezember 1944 sein „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ zu Papier bringt.

Er hätte es wohl nicht als Widerspruch empfunden, dass derjenige, in dessen Geist er sich geborgen fühlte, ein „Warum hast Du mich verlassen?“ rief.

Fern, fern geht die Weltgeschichte vor sich, die Weltgeschichte Deiner Seele.

Franz Kafka