Thema: „Tiere“

Unter uns ujo

„Der Buddhismus unterscheidet alle Dinge in hijo – Dinge ohne Wunsch, wie Steine und Bäume – und ujo – Dinge, die Wünsche haben, wie Menschen und Tiere“, lese ich in einem Buch des Japan-Liebhabers Lafcadio Hearn. Das ist eine einfache und schöne Unterscheidung, über die man lange und in manchen Richtungen nachsinnen kann. Beispielsweise könnte die menschliche Sehnsucht nach der Natur damit zu tun haben, dass uns dort, anders als in den gesellschaftlichen Kampfwelten, viele „Dinge ohne Wunsch“ umgeben. Oder jedenfalls – wenn ich die Bussarde am Himmel sehe – mit Wünschen, die uns nicht tangieren. Und vielleicht praktizieren die Kühe, die darunter auf der Weide stehen, unter allen ujo die friedlichste Form der Wunscherfüllung. Zurückhaltender geht es einfach nicht. Die Inder haben wohl Grund, ein so genügsames, übergriffsfreies Leben mit Vorstellungen von Heiligkeit in Verbindung zu bringen.

Opfer und Eigenständigkeit

Eine Biologin hat das Leben eines kleinen Kraken erforscht. Er ist nur etwa zehn Zentimeter groß, hat acht Fangarme und ist noch in Meerestiefen von über 4000 Metern anzutreffen. Seine Eier heftet er an den Stängel eines Schwammes, legt sich dann zum Schutz mit seinem ganzen Körper darüber und wartet, bis der Nachwuchs schlüpft. Das kann über vier Jahre dauern – ohne zu fressen. „Dann ist das Elternteil nur noch ein dünnes Häutchen und stirbt ab“, sagt die Biologin.
Das gute Tier lebt also in jeder Hinsicht sehr weit entfernt von der heutigen Psycho-Weisheit, dass man auch ein Stück weit an sich selbst denken solle. Aber man kann es auch verstehen.
Andererseits möchte ich den Kraken nicht uneingeschränkt als Vorbild empfehlen. Es wird einen Grund oder Sinn haben, dass die Evolution über dieses einfache Opfermodell hinausgegangen ist, in dem eine Generation nur die Brücke zur nächsten ist. Nur Flachköpfe wie die Nazis konnten solche biologischen Muster eins zu eins auf den Menschen übertragen. Zeigt sich doch schon bei höheren Tieren und vollends beim Menschen ein anderer, zweiter Zug der Entwicklung: dass nämlich die einzelnen Lebewesen nicht nur quasi verbraucht und als genetische Vehikel benutzt werden, sondern Individualitäten ausbilden, Entwicklungskeime sind, eigenständige Weltpole werden, Persönlichkeiten. Jedenfalls haben sie die grundsätzliche Fähigkeit dazu.
Das ist schön, macht die Sache aber in der Tat komplizierter als beim Kraken. Denn in uns ist beides: eine archaische Opferbereitschaft einerseits, die sich in Extremsituationen sofort zeigt (bei Fliegerangriffen warfen sich Mütter über ihre Kinder); und andererseits ein machtvoller Drang zur eigenen Entwicklung. Nicht zufällig hat ein Wort wie Selbstverwirklichung solche Bedeutung erlangt.
Wie wir diese beiden Seiten harmonisieren – dafür gibt es wohl verschiedene Lösungen. Eine ist ein pragmatischer Kompromiss, also der Versuch, ein Stück weit für andere und ein Stück weit für uns selbst zu leben. Mir scheint aber, im Menschen sind auch tiefere Möglichkeiten angelegt, in denen beides in eins fällt und der Gegensatz von Opfer und Eigenständigkeit bedeutungslos wird.

Auf einem Waldweg

Erinnerst du dich an die beiden Rehe
die uns auf einmal
nach einer Biegung des Weges
entgegenkamen?
Nebeneinander
jedes in seiner Spur
wie wir.
Sie brauchten eine Weile
um zu erschrecken
so versunken waren sie
in den gemeinsamen Weg.

Derselbe

Auf dem Waldweg ein Schmetterling, mit zusammengefalteten Flügeln, unscheinbar wie ein welkes Blatt. Zauberhaft schön aber, sobald er die Flügel öffnet. – So sind wohl, denke ich, auch manche Menschen.

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Ich wohne mitten in der Großstadt. Aber die Vogelgespräche frühmorgens in der Dämmerung sind intensiv wie im Urwald.

Die Schwäche der Eltern

Es ist wohl ein kindliches Urbedürfnis und ja anfangs auch eine Überlebensnotwendigkeit, starke Eltern zu haben. Die Mutter eine Löwin, in deren Schutz man gut spielen und schlafen kann. Der Vater ein Löwe, vor dem die ganze Savanne Respekt hat.
Aber die Savanne ist groß, und nicht alle Kinder sind Löwenkinder, und nicht alle Menschenkinder sind Kinder von Helden, und selbst die Helden werden eines Tages matt oder es stellt sich heraus, dass sie nicht immer Helden waren. Kurz, irgendwann erlebt jedes lebende Wesen die Schwäche der Eltern.
Das ist keine einfache Erfahrung. Im besten Fall ist es eine Schule des Realismus, eine Sehschule. Man lernt erkennen, wo und wie Menschen in der Welt stehen, auf so unterschiedliche, besondere, einzigartige Weise, dass die Worte stark und schwach nur einen schmalen Ausschnitt davon erfassen. – Diese Erkenntnis ist dann doch eine ziemlich starke Sache.

Ein Leben zum Leben hin

Es gibt Lebensgeschichten, die man nur wie ein langwieriges Sich-Herausarbeiten verstehen kann. Es sind die Geschichten von Menschen, die nicht mit zwanzig oder dreißig ungefähr die sind, die sie sein können, sondern die wesentlich länger brauchen. Manche haben erst im Alter die Empfindung, annähernd so zu sein, wie es ihrem Wesen entspricht.
Eine große Rolle spielen dabei wohl die Ausgangsbedingungen. Manche Menschen starten tief verstrickt in bestimmte Verhältnisse, etwa familiäre Prägungen und Vorgaben, aus denen sie sich erst einmal lösen müssen. Oft haben sie auch weniger Hilfen, weniger befreiende Anregungen und Anstöße zur Selbstfindung. Eben darum, weil sie kein sicheres Gespür für sich selbst haben, verhaken sie sich häufig auch im weiteren Verlauf in bestimmten, eigentlich unpassenden Konstellationen, in einem entfremdeten Dasein. Und eben darum brauchen sie länger, um zu einer gewissen Klarheit zu finden. Das ist kein Grund zur Scham, es ist unter diesen Umständen ganz natürlich.
Vielleicht gibt es ja im Tierreich, in dem es fast alles gibt, irgendeine Art, deren Exemplare tief in der Erde geboren werden, deren Leben dann darin besteht, sich allmählich nach oben zu arbeiten und die erst ganz am Ende die Oberfläche erreichen, noch ein paar Tage im Licht verbringen und dann eingehen. Solche Menschen jedenfalls gibt es.
Und die harte Wahrheit ist: Manche erreichen nie die Oberfläche, sie enden schon auf dem Weg dorthin. Das heißt nicht, dass sie keine Entwicklung absolviert hätten. Vielleicht war es sogar eine große, bedeutende Entwicklung, nur war eben der Weg zu weit, war zu viel abzuarbeiten, waren zu viele Schichten abzutragen und zu durchdringen.
Insofern sollte man auch die beiden Phasen, das vorläufige und das „eigentliche“ Leben, nicht plump gegenüberstellen. Das Leben in der Erde ist eben auch schon Leben, das einzige, das wir zu diesen Zeiten haben. Die spirituellen Schlauberger werden sogar sagen: Gerade dein Leben in der Erde anzunehmen, fördert den Durchbruch nach draußen. Wahrscheinlich haben sie sogar recht. Nur sagen sie nicht die volle Wahrheit über die Mühen und Dramen des Weges.

Stadtei

So weit ist es schon gekommen: Als ich an einem Hühnerei im Kühlschrank eine kleine Feder hängen sehe, streift mich der Gedanke: Heißt das, das Ei ist wirklich von einem echten Huhn?

Sonderbarer Besuch

Morgens, beim Blick durch die Balkontür, entdecke ich plötzlich einen kleinen Vogel. Er sitzt ganz still auf den Holzdielen. Auch als ich unmittelbar an die Scheibe trete, fliegt er nicht weg. Ungewöhnlich. – Ich öffne die Tür, er bleibt sitzen. Wir sehen einander an. Über seinen Kopf zieht sich, ganz auffällig, von vorn nach hinten ein gelbes Band. Ich frage ihn, was möglicherweise sein Problem ist. Er bleibt einfach sitzen und schaut mich an. Von vorn, mit seinen dunklen treuen Augen, wirkt er fast wie eine Maus. – Ich schließe wieder die Tür und gehe über zum wissenschaftlichen Teil, blättere in meinem Tier- und Pflanzenführer. Es ist ein Wintergoldhähnchen. „Kleinster heimischer Vogel“ mit einem gelben oder orangegelben, schwarz gesäumten „Scheitelstreif“. – Immer noch sitzt er reglos auf dem Balkon. So kann es nicht weitergehen, denke ich, er muss wieder raus ins Grüne. Dort wird eben die Natur ihren Lauf nehmen, und sei es unter Beteiligung einer Katze. Aus der Küche hole ich eine dieser durchsichtigen Plastikschalen, in denen manchmal Karotten verkauft werden. Ich stülpe sie langsam über ihn, schiebe eine Pappe darunter, trage ihn durchs Treppenhaus vor die Haustür, setze ihn auf einer Hecke ab. Sofort fliegt er in der schönsten quirligsten Weise hoch in die Bäume. – Warum also das alles?, denke ich ihm hinterher. Wolltest du mal mit jemandem reden? Hattest du keine Lust auf deine nächste Reise? Das Buch sagt, ihr seid „Teilzieher“. Und im Internet lese ich, dass ihr als „Zugopportunisten“ geltet. Ich wusste nicht, dass Biologen so gemein sein können. Es ist doch absolut in Ordnung, die eigenen Entscheidungen im Kontext der jeweiligen Umstände zu reflektieren. – Vielleicht warst du einfach nur vorübergehend erschöpft.

An der Fischtheke

Es ist nicht mehr ganz wie auf den südlichen Märkten, wo der Fang der Nacht direkt auf die Tische gewuchtet wird. Aber selbst hier im Supermarkt liegen noch ganze Tiere in ihrer vollen Gestalt, silbern und elegant, manche auch mit schaurigem Tiefseegesicht.

Ich schau sie an und denke: Du warst eben noch unterwegs, man sieht noch, wer du warst, man spürt noch, was du konntest. Auch wenn du geschlagen bist, man sieht dir noch die Freiheit an.

Da liegt also die Kreatur in ihrer Schönheit und ihrem Leid, noch nicht verwurstet und filetiert, noch als die, die sie war, erkennbar. Insofern herrscht an der Fischtheke noch ein Rest Ehrlichkeit, während die Wursttheke immer nur lügt.