Thema: „Tod“

Anthroposophie (9): Keime

Ein Satz mit großer Tragweite: „Wie der Pflanzenkeim in der gegenwärtigen Pflanze die künftige vorbildet, so entwickelt sich, verborgen im menschlichen Innern, ein geistig-seelischer Keim, der sich durch seine eigene Wesenheit für die geistige Wahrnehmung als die Anlage des künftigen Erdenlebens erweist.“
Sollte die Analogie, von der Steiner hier spricht, zutreffen, würde sich (im Vergleich zu den üblichen Sichtweisen) das ganze Menschenleben in einem anderen Licht darstellen. Unter anderem hieße es: Der Mensch hat im Alter nicht das Wesentliche hinter sich, sondern sein Leben ist bis zur letzten Stunde bedeutsam und zukunftsträchtig. Eigentlich bekäme auch das Wort „letzte Stunde“ eine andere, begrenztere Bedeutung.

Anthroposophie (7): Kontinuum

Vollkommen fremd ist den heute verbreiteten Denkformen allein schon die Selbstverständlichkeit, mit der Steiner nicht nur vom „Leben zwischen Geburt und Tod“, sondern auch vom „Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt“ spricht. Und überhaupt: dass er auch im zweiten Fall von Leben spricht.
Das Leben in einem Körper ist in seiner Weltsicht eben nur eine, nicht die einzige Form des Lebens.

Übrigens sind es immer die andern, die sterben.
Marcel Duchamp
(D’ailleurs, c’est toujours les autres qui meurent.)

Optik

Du bist ein Glas, durch das die Welt sich sieht.
Wenn du zerbrichst, sieht sie durch andre Gläser.

Alte Frau

Die vom Leben Überforderte,
die vom Leben Überfahrene
– sie hat ja alle Kraft zusammengenommen,
um die Kinder ins Leben zu leiten.
Jetzt aber ist alle Kraft dahin.

Ihre Tochter duscht sie und
reibt sie ein – es sind Gesten wie
aus einer anderen Welt.

Morgens, man kennt sie nicht anders,
in aller Herrgottsfrühe
liest sie im Koran,
denkt dann, dass sie hier auf Erden
eigentlich nichts mehr verloren habe.
Gott habe sie wohl vergessen, sagt sie manchmal
und schaut in den Raum.

Im Übrigen ist sie die einzige
Person, die ich kenne, die durch
geschlossene Türen gehen kann.

Rückert   (150 Jahre nach seinem Tod)

Wie es heutzutage um ein Bewusstsein der Herkunft und der Leistungen der Vorfahren bestellt ist, zeigt allein schon, dass ein Mann wie Friedrich Rückert fast vergessen ist. Dabei war der Mann ein Weltwunder. Nicht nur, oder jedenfalls nicht hauptsächlich, weil er ein Genie der Sprachen und Kulturen war. Von Hebräisch über Arabisch, Koptisch und Persisch bis Sanskrit – er konnte das alles lesen und hat mit seinen Übersetzungen ein halbes Morgenland dem Abendland bekannt gemacht. Mindestens so erstaunlich ist seine eigene Dichtung. Nun gut, er war ein Vielschreiber. Das Reimen war seine Existenzform, er hat gedichtet wie geatmet, und manches schnauft so vor sich hin. Dazwischen aber einiges, das tiefer trifft als andre jemals trafen. Rückerts Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen… nach dem Tod von zweien seiner (zehn) Kinder ist so ergreifend, es versteigt sich in ein so herzzerreißendes Nichtwahrhabenkönnen, dass man gar nicht weiß, ob die Germanisten dafür Begriffe haben. Ist das frühexpressionistisch? vorexistentialistisch? Jedenfalls fällt es weit aus den Formen der Zeit heraus. (Wenigstens haben einige seiner Kindertodtenlieder in Gustav Mahlers Vertonungen ein zweites Leben erlangt.)
Nebenbei war der hochdekorierte Gelehrte von einer herrlichen Wurstigkeit und wohnte in dem langhaarigen Zwei-Meter-Mann eine unstillbare Melancholie:
Amara, bittre…
O du mit Bitterkeiten rings umfangen,
Wer dächte, dass mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im innern Kern so süße.

Mit dir um Kap Hoorn

Im Radio eine Sendung über die erste Umsegelung von Kap Hoorn im Jahr 1616. Achtzehn Tage gegen den starken Westwind, mit hohen Wellen, Salzwasser bis in die Kojen, aufgerissenen Händen, frierenden Seeleuten, singender Takelage. Und ich denke unentwegt an dich, den Segler, dem diese Sendung sehr gefallen hätte…

Zwei Fragen, eine Antwort

Ein Freund liegt – wieder einmal – nach einer schweren Operation im Krankenhaus, in der Todesabwehrfabrik, wie er es nennt. Aufs Bett gestreckt, sozusagen zwischen den Schläuchen hindurch, schaut er mich an. Etwas später: Er hätte zwei Fragen an mich, die er tags zuvor auch seinem Freund T. gestellt habe. Erstens, warum es kein Leben ohne Leiden gebe. Und zweitens, was ich antworten würde, wenn man mich vor dem Betreten der Welt fragte, ob ich reinwill. Und, um die Sache ein wenig zu verschärfen: falls Nein, ob ich dabei auch bliebe, wenn ich dann die Welt nicht einmal sehen dürfe. Er hat auch in solchen Lebenslagen noch Humor.

Ich hole tief Luft und gebe mein Bestes – aber natürlich gleiche ich dem kleinen Jungen, den Augustinus am Strand beobachtete, wie er mit einer Muschel das Meer ausschöpfen wollte. Und was hat T. geantwortet?, erkundige ich mich schließlich. – Er habe seine Hand genommen.

Da habe ich mich geschämt.

Frei im Raum

Irgendwann musst du das Gehäuse deines Lebens verlassen. Irgendwann, ob du willst oder nicht, wird der Kreis deiner Gewohnheiten durchbrochen. Irgendwann geht die Welt mit einem lässigen Schritt über das hinweg, was du dein Leben nanntest. Dann gehst du in den freien Raum, wo du in Wahrheit immer gingst, nur die Gespinste deines Lebens haben das verdeckt – und gehst dort gut! Wo kein Geländer und weit und breit kein Halt mehr ist, dort gehst du sicherer denn je.

Vom Umgang mit Verzweiflung

Wenn einer, zum Beispiel wegen einer schweren Krankheit, verzweifelt ist, dann kommen wohlmeinende Leute, die ihn „aufbauen“ möchten. Der eine bringt ein Büchlein mit heiteren Geschichten. Der andere sagt ein Das-wird-schon-wieder. Allgemeiner Subtext: Schau nicht zu negativ auf die Dinge, die Welt ist doch ganz okay.

Die Welt ist aber überhaupt nicht okay. Jedenfalls nicht in dieser Lage. Ob man sich davon ablenken lassen möchte oder nicht – das mag eine Typfrage sein. Jedenfalls gibt es Menschen, denen gerade nicht geholfen ist, indem man die Dinge verkleistert und vertuscht. Sie empfinden sogar umgekehrt, scheinbar paradox: dass es tröstlich sein kann, wenn einer mit ihnen verzweifelt ist; vielleicht ja weil das bedeutet, dass einer mit ihren Augen sieht, mit ihnen in einem inneren Raum ist, ohne Wertung und ohne Lösung. Anders gesagt: dass einer nicht schwindelt. Denn liegt nicht im Verhalten der anderen, der ewig Positiven, auch ein unverschämter Übergriff: ein Nicht-ernst-nehmen, ein Du-siehst-die-Welt-nicht-richtig? Obwohl man die Welt gerade ziemlich richtig sieht, jedenfalls diesen Ausschnitt der Welt, den man erst mal annehmen muss, bevor man wieder anderes sehen kann.

Mein (verzweifelter) Freund sagt: Vielleicht muss man das Unglück auch akzeptieren, es wie ein Unwetter über sich ergehen lassen, erstaunlicherweise zieht es dann nämlich häufig weiter; vielleicht muss man reingehen, um wieder herauszukommen. – Nach einer Pause fügt er hinzu: Andererseits kann es wahrscheinlich auch passieren, dass man im Unglück stecken bleibt, darin versinkt.

Sich wachen Auges in diesem Feld der Empfindungen zu bewegen, überzeugt mich mehr als ein Schönreden, dem man selbst kaum glauben kann.