Thema: „Vergänglichkeit“

Kreislauf

Der Ausgang ist wie der Eingang. Gegen Ende gleicht das Menschenleben häufig seinem Anfang: in seiner Schwäche, in seiner Hilflosigkeit, im Angewiesensein auf andere. Vielleicht nässen wir sogar wieder ein.
Nur selten aber erfahren Menschen auf dieser letzten Strecke ähnliche Aufmerksamkeit und Fürsorge wie in ihren ersten Jahren.
Liegt es daran, dass sie sowieso bald gehen werden? So dass, in einer unbewussten Rechnung, der Einsatz nicht recht lohnt? Könnte es sein, dass eine solche Sichtweise die Dinge des Lebens gründlich missversteht?

Lehren des Waldes

Auch das siehst du ja kaum in der Stadt: Dinge, die sich selbst überlassen werden, Holz in allen Stadien des Verfalls und der Zersetzung, von Insekten bewohnt, von Moos überzogen, mit Pilzen besetzt. Und dieser ungeheure Baum – jetzt liegt er da. Du siehst, vom Blühen bis zum Vergehen, das ganze Bild. Nicht nur, wie in den Parks, das vermeintlich Schöne, das, für sich genommen, doch nur die halbe Wahrheit ist. Und dieses Moos und dieser Schimmer – wer sagt, wo hier die größre Schönheit ist?

Schönheit, wo bist du hin?

Zufällig ist mir eine Frau wieder begegnet, die mir vor einem Vierteljahrhundert schon einmal begegnet war. Damals war sie so verwirrend schön, dass ich in ihrem Beisein immer knapp am Atemstillstand war.

Jetzt habe ich sie zunächst nicht wiedererkannt. Ihr Gesicht ist fahl, sie ist offenbar in der Zwischenzeit durch ein komplettes Familienleben und durch eine schwere Krankheit gegangen. Sie ist jetzt sozial engagiert, wirkt ausgeglichen und warmherzig.

Schönheit, wo bist du hin? Hast du dich verwandelt in Charakter? Oder warst du immer nur die schöne Decke, die über dem Charakter lag?

Verlassenes Bahngelände

Früher waren wohl auch diese Schienen einmal blankgefahren, jetzt wachsen von rechts und links gemächlich die Pflanzen hinein. Rampen, Weichen, Nebengleise. Bei all diesen Strukturen hat sich mal jemand etwas gedacht! Heute fahren die Züge achtlos vorbei.

Sonst wird doch in diesem Land immer gleich alles weggeräumt. Aber die Bahn ist wohl so philosophisch entschleunigt, dass sie uns allenthalben kleine Zeichen der Vergänglichkeit hinterlässt. Wie schön sind doch diese Gärten der versunkenen Intentionen.

Könnte es sein, dass manche kein ganz realistisches Verhältnis zum Leben haben?

Seit drei Tagen herrscht trübes Wetter. Da kannst du doch nur depressiv werden, sagt meine Nachbarin. Außerdem ist ihr Kater krank, und ihre 85-jährige Freundin kommt auch nicht mehr recht auf die Beine. Alles ist schrecklich. Und wenn du Nachrichten schaust, Kampf und Streit überall.

Sie spricht über all das, als ob sich die Welt in einem Ausnahmezustand befände. Als hätte gerade sie eine besonders schlimme Phase der Menschheitsgeschichte erwischt.

Ich wurde unwissend geboren und hatte nur ein wenig Zeit, das hier und da zu ändern.

Richard Feynman

Die Vergänglichkeit ist ihr schon eingeschrieben

Ziehende Wolken, das Licht des Mondes auf der Fußmatte, ein ferner Ruf aus dem Dorf… – vielleicht liegt darin die unscheinbare Größe der alten chinesischen Poesie: dass sie etwas naturgleich Verwehendes hat. Nicht das westliche Meißeln und Festhaltenwollen. Ihre Zeitlosigkeit liegt in ihrer entschiedenen Zeitlichkeit.

Dagegen an

Bestehen nicht 99 Prozent der menschlichen Anstrengungen darin, in einer Welt, in der alles vergeht, doch irgendwie Unvergängliches zu hinterlassen?

Wenn dies bliebe

Ich will nicht viel
ich wäre ganz zufrieden
wenn am Ende
nichts andres bliebe als
ein Häufchen Asche und
ein Diamant.

Auf der Pflegestation

Er war ein bedeutender Kopf, jetzt kann er kaum mehr seine Hose hochziehen. Jetzt übernehmen fremde Menschen die Herrschaft über seinen Körper. Von all dem Früheren wissen sie nichts, das alles zählt nicht mehr, sie wissen nur: Zimmer 14 kann die Hose nicht hochziehen.

Das Höchste wäre schon, wenn sie, ohne ihn zu kennen, den Geist respektierten, der dieses Leben trug, auch dann noch, wenn er zu verblassen beginnt, auch dann noch, wenn er entweicht.