Thema: „Welt“

Schwierige Einfachheit

Geistige Entwicklungen, so nimmt man meist an, erfordern schwierige mentale Leistungen, den Aufbau komplizierter neuer Anschauungen und Vorstellungen. Das ist in gewissem Sinn auch richtig. In einem tieferen Sinn aber erfordern sie das Gegenteil, eine Vereinfachung und einen Abbau: den Abbau von Denkgewohnheiten und Sehgewohnheiten, die so verbreitet sind, dass sie kollektiven Wahnsystemen gleichen.

Wir müssen die Sonne nicht erfinden. Sie zeigt sich, wenn die Wolken verzogen sind. Und wir müssen die Welt nicht erfinden. Wir müssen nur die Schleier wegziehen, die unseren Blick hindern. Dieses Wegziehen aber – immer wieder verfangen wir uns, haben wir mit den Schleiern zu tun, durchforschen die Schleier, als wären sie die Welt… Was sie, nun ja, auch sind. Und doch…

Schlöss in die Dinge sich nicht etwas Göttlichs ein,
Sie sämtlich würden nicht nach der Erlösung schrein.

Daniel Czepko von Reigersfeld     (1605 – 1660)

Narzisstische Sterbestunde

Ich weiß wirklich nicht, ob die Welt ohne mich zurechtkommt.

Anzeige gegen Unbekannt

Menschen sind gewohnt, nach Verantwortlichen zu suchen. Ins große Ganze übertragen führt das zum Gedanken an Gott, den Hauptverantwortlichen. Wie aber, wenn diese Übertragung ins Leere liefe? Wenn sich zwar für manche Weltdinge Schuldige finden ließen, für Diebstähle und Diktaturen, nicht aber für die entscheidenden Tatsachen des Daseins: die menschliche Begrenztheit, Hinfälligkeit, Sterblichkeit? Wenn es also in diesen Fragen keinerlei Ansprechpartner gäbe.

Womöglich ist es dem Universum vollkommen gleichgültig, wie es uns geht. Womöglich ist es der Welt vollkommen gleichgültig, ob wir sie verstehen. Womöglich ist da überhaupt nichts und niemand, dem irgendetwas gleichgültig sein könnte.

An diesen Gedanken muss ich mich erst gewöhnen. Es wird ein wenig kühler, wenn man so denkt. Vielleicht aber die Luft ein wenig klarer?

Es wäre Zeit

Es kann eine gewisse Ratlosigkeit am Lebensende geben: Wann, wenn nicht jetzt, sollte man die Welt verstehen? Aber sie nimmt darauf keine Rücksicht.

Im Nebel

Logisch wäre, dass wir das Ganze übersehen und daraus ableiten, welchen Weg wir wählen. Aber so ist die Welt nicht. Unser Wissen verschwimmt im mittleren Raum. Wir kommen zurecht.

Sonntagmorgen halb 8

Die Straßen fast leer,
niemand will irgendwohin.
Sind die Vögel lauter als sonst?
Ist es dieselbe Welt?

Jahr und Tag

Die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne, der Mond auf seiner Bahn um die Erde, und die Erde in ihrer Drehung um sich selbst: drei einfache Bewegungsformen, die gemächlich ineinander greifen, wie in einem uralten Tanz.

Vorsatz

Die Welt nicht als bekannt behandeln, sondern als könnte sich hinter dem vertrauten Bild ein etwas anderes – oder sehr anderes – zeigen; als gäbe es hier und da lose Enden, an denen sich die Folie abziehen lässt; oder als sähe man nur die Schmalseite von etwas, dessen Wesen und Ausdehnung sich erst von anderer Seite offenbart.

Verteidigung der Unfertigkeit

Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Komik, wenn ein Mensch mit über fünfzig sich noch immer im Vorfeld des Lebens fühlt, als bereite er sich auf das Entscheidende erst noch vor. Er wird sich auch in der Begegnung mit seinen robusteren Mitmenschen, die ihre Stellung im Leben längst gefunden haben, immer leicht schwankend und halmartig vorkommen.

Andererseits macht man es sich mit dem Spott zu leicht. Wenn sich manche nur widerstrebend auf ein bestimmtes Lebensmuster einlassen, kann das mit einem Mangel an Entscheidungsfähigkeit zu tun haben; es kann aber auch heißen, dass sie angesichts der Weitläufigkeit der Welt einfach keine Lust haben, sich auf ein kleines Äckerchen festzulegen; dass sie also, anders als jene Lebenspraktiker, den Reichtum der Wege und Wirklichkeiten überhaupt noch voll empfinden und sich darin zu orientieren versuchen.

Selbstverständlich kann das auch eine Überforderung sein. Überhaupt ist ja alles zu viel für ein Leben. Leider kann man nicht auf fünf Wegen gleichzeitig gehen, und es ist eine Illusion, man könne sich über die Jahre alles offen halten. Fortwährend schließen sich kleine Türen, lautlos, so wie die Adern verkalken. Und am Ende sitzt vielleicht einer mit weit ausgreifenden Gedanken in einer engen Küche und blickt auf Kaffeeflecken. Man ist einer, auch wenn man es gar nicht sein möchte.

Trotz allem aber könnte man ein solches Leben, selbst wenn es in gewissem Sinn stecken geblieben ist, interessant nennen. Es ist ein Bild des Menschseins, der großen Räume und der kleinen Möglichkeiten. Eigentlich ein treffenderes Bild als es diejenigen bieten, die sich in ihrem Inventar an Möbeln und Gedanken eingerichtet haben, ohne noch die Abenteuer und Abgründe zu empfinden, die sie umgeben. So gesehen können die scheinbar unreifen, unsicheren, ungeschickten Existenzen recht gute Welt-Bürger sein.